Wer weiß, wo Südgeorgien liegt?

Mit einem beherzten Hüpfer verlasse ich das Zodiak, stiefle durch die Wellen an Land – und dann bleibe ich mit offenem Mund stehen. Direkt vor mir steht eine Gruppe von Pinguinen, mich interessiert-amüsiert beobachtet. Laufende Meter in schwarz-weiß, mit eidottergelben Flecken an Kopf und Schnabel. Königspinguine. Mein Blick wendet sich nach rechts und ich sehe mehr Pinguine. Links ebenfalls, dazu zahlreiche Seehunde. Und riesige See-Elefanten. Ich schaue wieder nach rechts, dann nach links und in meinem Kopf dreht es sich. Ich schließe für ein paar Sekunden die Augen, so überwältigt bin ich.

Anlandung
Anlandung Gold Harbour – mit Pinguinen

Wir haben es nach Südgeorgien geschafft

Vor dieser Reise wusste ich nicht einmal, dass ein Land namens Südgeorgien existiert, geschweige denn, wo es liegt. Mittlerweile bin ich klüger: Stellt euch ein gleichseitiges Dreieck vor: eine Ecke berührt Südamerika, eine die Antarktis, und die dritte trifft Südgeorgien. Die Insel zählt zu den britischen Überseegebieten. Offiziell, denn Argentinien beansprucht das Gebiet für sich, genau wie die Falklandinseln. Südgeorgien ist bewohnt: Hier leben zwei britische Beamte mit ihren Partnern, vier Museumsangestellte sowie in der Sommersaison einige Polarforscher. Die Hauptstadt Grytviken, eine ehemalige Walfängerstation, beherbergt sogar eine Kirche und ein Museum.

route
Unsere Route – Antarktis, Südgeorgien, keine Falklandinseln

Aber zurück zu den Pinguinen

Die erste Anlandung in Südgeorgien findet in Gold Harbour statt. Nach mehreren Tagen auf See ist es ein großartiges Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ein acht Kilometer breiter Strand liegt einladend vor uns. Schwarzer Vulkansand, begrenzt von Bergen und dem monumentalen Bertrab-Gletscher, der nach einem deutschen Vermessungsingenieur benannt ist. Wir schnappen uns je einen Walking-Stock und spazieren los. Das ist gar nicht so einfach: Während die Pinguine meist herumstehen und sich der Fellpflege widmen, wuseln die Seehunde zwischen unseren Füßen herum.
Vor der Anlandung wurden wir dringend ermahnt, Abstand zu den Tieren zu halten, aber das ist fast unmöglich. Schaue ich nach links, um Abstand einzuhalten, kommt garantiert von rechts ein neugieriges Seehundjunges und rennt mich fast über den Haufen. Im Zweifelsfall mit einer wütenden, weil beschützenden Mutter im Schlepptau. Und die Zähne von Seehunden sind verflixt respekteinflößend.

Ohrenrobbe zeigt scharfe Zähne
Die Ohrenrobbe zeigt ihre scharfen Zähne


Einmal stapft ein Pinguin zielstrebig auf Wolfgang zu. Dieser geht auf die Knie und begibt sich damit auf Augenhöhe. Das scheint dem Tierchen zu gefallen. Er kommt näher und fängt an, mit seinem langen Schnabel an Wolfgangs Hose herumzupicken. Anscheinend sind wir eine willkommene Abwechslung von seinem Alltag. Und wir sind einfach nur entzückt.

Pinguin
Dieser neugierige Königspinguin findet Wolfgang sehr interessant

Der Unterschied zwischen der Antarktis und Südgeorgien lässt sich riechen

Wir schlendern den Strand entlang und versuchen, möglichst viel von der großartigen Umgebung in uns aufzunehmen. Hier zeigt sich der riesige Unterschied zwischen der Antarktis und Südgeorgien: In der Antarktis sehen wir ausschließlich Schnee, Eis und Felsen, dazwischen kleine Kolonien von Pinguinen. Mal hundert, mal zweihundert Exemplare. Südgeorgien ist grün – und die Kolonien sind riesig. Schon Gold Harbour beherbergt 80.000 brütende Königspinguinpaare. Achtzigtausend! Wahnsinn. Später werden wir in der St. Andrews Bay sagenhafte 200.000 Paare sehen.
Ein weiterer Unterschied lässt sich riechen. In der Antarktis leben die Pinguine praktisch in einem roten Matsch aus ihren eigenen Exkrementen. Die Farbe stammt von ihrem Hauptnahrungsmittel Krill – und es riecht dauernd nach Kloake. Durch Schnee und gefrorenen Boden kann der Matsch nicht versickern. An Bord konnten wir daher die Pinguin-Highways an Land schon von weitem erkennen: durch die rote Spur im Schnee.
In Südgeorgien ist es ein paar Grad wärmer als in der Antarktis. Für Januar bedeutet das: keine Minusgrade mehr, wenn auch die Temperaturen einstellig bleiben. In den Buchten gibt es keine durchgehende Schneedecke, im Gegenteil. Wir sehen Wassertümpel, grüne Wiesen, manchmal hohes Gras, das hier Tussock-Gras genannt wird. Exkremente versickern im Boden, gelegentlich entdecken wir weiße Flecken. Doch hier ist nicht Krill, sondern Fisch die Hauptnahrungsquelle. Mit erfreulichem Ergebnis: Wir riechen nichts. Und können ungestört genießen.

Königspinguine
Königspinguine in Gold Harbour – mit Bertrab-Gletscher

Pinguine, Robben und Raubvögel

Das Zusammenleben verschiedener Tierarten auf engem Raum ist spannend zu beobachten: Hier leben Königspinguine, Ohrenrobben und Skuas direkt nebeneinander. Skuas sind Raubmöwen, für die Pinguineier oder Pinguinküken ein Leckerbissen sind. Pinguin-Eltern sind daher wachsam – oft sieht man, wie sie herannahende Skuas mit den Augen verfolgen, immer bereit, ihre scharfen Schnäbel einzusetzen. Leider klappt das nicht jedes Mal: hin und wieder sehen wir kleine Pinguin-Skelette auf dem Boden.
Wir beobachten große Gruppen von Königspinguinen, die mit den Füßen in den Wassertümpeln stehen, sie kühlen damit ihren ganzen Körper. Braunbehaarte Jungpinguine in der Mauser stehen dazwischen, nebenan balgen junge Ohrenrobben miteinander. Immer wieder fliegen Skuas über die Szene hinweg. Ihre Flügelweite ist enorm, und von ihren krummen und scharfen Schnäbeln halten wir respektvoll Abstand.

Tiere Südgeorgien
Zusammenleben in Südgeorgien

Noch mehr Abstand bringen wir zwischen die See-Elefanten und uns. So ein Bulle wird über sechs Meter lang und bis zu 3500 Kilogramm schwer. Von denen möchte ich nicht über den Haufen gerannt werden. Wobei „gerannt“ eher euphemistisch ist: See-Elefanten schaffen aufgrund ihres Gewichts ohnehin nur ein paar Schritte, bis sie sich wieder ausruhen. Wir dürfen einen Kampf zwischen zwei besonders großen Exemplaren beobachten. Dabei richten sich beide Tiere auf und klatschen ihre Oberkörper gegeneinander. Die schiere Masse lässt ihre Körper erzittern. Nach einer kurzen Ruhepause der nächste Klatscher, gefolgt von einer weiteren Ruhepause. Wir schwanken, ob wir lachen oder beeindruckt sein sollen. Am Ende gewinnt die Faszination, schon aufgrund der vielen Narben der Tiere, die von zahlreichen Kämpfen in der Vergangenheit zeugen.

See-Elefanten
Zwei See-Elefanten streiten

Als wir die Zodiaks besteigen, um aufs Schiff zurückzukehren, sind wir still.

Erfüllt von all den Bildern im Kopf. Und dankbar, dass wir so etwas Beeindruckendes erleben dürfen.

Königspinguine
Königspinguine und Robben

Mehr Fotos findet ihr in unserer Fotogalerie Südgeorgien. Viel Spaß beim Stöbern!

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