Sauna, Zimtbrötchen und Regenbogen-Zebrastreifen

Wir verlassen Kirkenes bei strahlendem Sonnenschein. Es ist kalt, das Thermometer klettert nicht über die 10-Grad-Marke, aber der indian summer ist in vollem Gange. Rechts sehen wir das Meer, links die bunten Bäume. Wir hatten schon schlechtere Fahrtage. *smile*

Grenzübergang zu Pandemiezeiten

Unser nächstes Etappenziel ist die nahegelegene Grenze nach Finnland. Ich habe ein bisschen Magengrummeln, denn ich weiß nicht, ob die Finnen uns ins Land hineinlassen. Norwegen hat so hohe Coronawerte, dass die Grenzüberquerung für Personen aus Norwegen eigentlich untersagt ist. Als Reisende haben wir aber einen strategischen Vorteil: Wenn wir erklären, dass wir auf dem Heimweg nach Deutschland sind, lässt uns jeder durch. Ich überlege, ob unser Verhalten in die Kategorie „das System ausnutzen“ fällt. Na ja, ein bisschen vielleicht. Auf der anderen Seite sind wir vermutlich weniger gefährlich als „normale“ Reisende mit einem normalen Sozialleben. Wir treffen nur wenige Menschen, und wenn, dann mit Abstand. Das sind Mitarbeiter im Hotel, an Tankstellen oder beim Einkaufen. Wir gehen selten essen und haben auf Reisen auch keinen lokalen Freundeskreis, Familienfeiern oder Arbeitsmeetings, aus denen die meisten Corona-Ansteckungen stammen. Ich entspanne mich also wieder und wir rollen ans Grenzhäuschen heran.

Die übliche Prozedur: Helm abnehmen, lächeln, Pass vorzeigen. Der Beamte lächelt ebenfalls, sagt „go straight“ (also keine unnötigen Umwege) und winkt uns durch. Puh. Ich hatte zwar genau damit gerechnet, bin aber trotzdem erleichtert. Und so rollen wir weiter, immer weiter Richtung Süden.

Die schönste Straße Finnlands
Die schönste Straße Finnlands

Die schönste Straße Finnlands

Ich hatte damit gerechnet, dass der Norden Finnlands ungefähr so aussieht wie der Norden Norwegens. Überraschenderweise ist das nicht so. In Nordnorwegen beherrscht ein Mix auf Fichten und Birken das Bild. Und zu dieser Jahreszeit sind die Birken wunderschön gelb, orange und rot, dass wir uns kaum satt sehen konnten. In Finnland gibt es viel weniger Birken, daher auch viel weniger indian-summer-feeling. Sehr schade, denn die Strecke, die wir gerade fahren, ist wunderschön: glatter Asphalt, sanfte Kurven, unzählige große Seen. Und da wir den nördlichsten Grenzübergang Finnlands gewählt haben, ist auch kaum was los auf der Straße. Ich erwarte jeden Moment, dass mir ein Elch vors Motorrad springt. Was natürlich (und glücklicherweise) mal wieder nicht passiert.

Nach einiger Zeit bleiben wir an einem Parkplatz stehen um zu rasten. Leider ist Finnland (anders als Norwegen) nicht sehr gut auf Tourismus eingestellt; eine Erkenntnis, die sich in den nächsten Tagen noch vertiefen sollte. In Norwegen gibt es überall schön angelegte Rastplätze mit Sitzgelegenheit, Mülleimern und meist auch Toiletten. In Finnland: komplette Fehlanzeige: Wir sehen praktisch keinerlei Sitzgelegenheiten. Also suchen wir uns einen großen Stein am Straßenrand, packen unsere Brote und Wasserflaschen aus und setzen uns. Die Sonne scheint und wir genießen die Ruhe. Und die leckeren Blaubeeren, die es zu dieser Jahreszeit noch in Massen gibt.

Später fallen mir auch die Steinpilze am Straßenrand auf. Kurz mit dem Taschenmesser hin und mal angeschnitten: Wow, sie sind groß und komplett madenfrei. Wir überlegen, welche mitzunehmen, aber da wir für die Nacht ein Hotel gebucht haben, verschieben wir das Pilzsammeln auf einen anderen Tag. Großer Fehler, wir sehen nie wieder gesunde Steinpilze. Und dass, obwohl wir öfters Halt machen und sogar in Waldstücke hineinlaufen, um welche zu finden.

Es geht weiter. Wir genießen die Kurven und die Ruhe. An einem besonders schönen See rasten wir und Wolfgang will unbedingt ein Foto von seinem Bike, wie er auf dem Strand fährt, mit spritzendem Sand und so. Gesagt, getan, er legt los, aber der Sand ist doch tiefer als gedacht. Und die Africa Twin ist vollbeladen auch ganz schön schwer. Und so kommt es, wie es kommen muss: Wolfgang steckt fest. Wir brauchen beide ganz schön Kraft, bis die Honda wieder auf festem Untergrund steht. Fotos von spritzendem Sand gibt es am Ende keine, allerdings sieht die Spur im Sand doch auch nicht schlecht aus, oder?

Motorrad am Strand
Motorrad am Strand

Wieder auf der Straße überlegen wir uns, was wir eigentlich an finnischen Firmen oder an finnischem Essen kennen. Leider ist uns außer Nokia und Rukka nicht viel eingefallen. Am nächsten Tag beim Frühstück konnten wir dann einige Wissenslücken füllen. Es gibt „Karelian Pie“, einen Roggenteigfladen, gefüllt mit Reisporridge und getoppt mit einer Eier-Butter-Mischung. Lecker und sättigend. Der Tag kann kommen.

Große, volle Straßen und viele Menschen

Nach 120 Kilometern auf der Route 971 biegen wir ab auf die E75, die große Durchgangsstraße durch Finnland, und prompt ist es vorbei mit der Schönheit: Viel Verkehr, alle deutlich schneller und dichter unterwegs als in Norwegen.

Und leider bleibt dieser Eindruck von Finnland bestehen: Hektisch. Voll. Laut. Und wenig einladend. Natürlich sind wir selbst nicht ganz unschuldig an diesem Bild: es ist nach dem ersten schönen Eindruck schnell wieder kalt und nass geworden und wir wollen gen Süden, waren also auf großen Straßen unterwegs. Ins Warme. Und unsere ersten beiden Übernachtungsstädte waren Saariselkä und Rovaniemi. Von beiden weiß man, dass sie Touristenorte sind. Saariselkä hat 311 Einwohner, ist aber das größte Ferienzentrum Finnisch-Lapplands. Für den Monat September rechnet der Tourismusverband regelmäßig mit 25.000 Übernachtungen. Irgendwie war uns das nicht so klar, als wir unsere Unterkunft buchten. Und Rovaniemi ist bekannt dafür, dass es die Heimat vom Weihnachtmann ist.

Durch Rovaniemi verläuft der Polarkreis, den ich unbedingt auch auf dem Rückweg noch mal sehen wollte. Also haben wir auch die Strecke zwischen Saariselkä und Rovaniemi schnell hinter uns gebracht: die ersten 130 Kilometer auf der eher unangenehmen E75, später dann auf kleinen Straßen und Schotterpisten: an Unari und vielen kleineren Seen entlang. Wir haben mehrmals versucht, möglichst dicht an die Seen heranzukommen, aber die kleinen Pisten sahen alle ziemlich privat aus, so dass wir irgendwann aufgegeben haben. Unsere Pausen haben wir daher meist im Stehen verbracht haben: neben dem Motorrad am Straßenrand. Und so manches Mal haben wir uns gewünscht, wir wären noch in Norwegen.

Motorrad auf Schotterstrasse Finnland
Crossing Finland

Rovaniemi

Rovaniemi ist als Stadt eher langweilig: es gibt eine Innenstadt und einen hübschen Wanderweg am Kemijoki entlang, aber ansonsten reizt höchstens das Touristenzentrum rund um das Weihnachtsmanndorf und der Polarkreis-Themenpark. Am letzteren fahren wir auf dem Weg nach Süden noch vorbei: wir lassen die Souvenirshops und die Fressmeile links liegen und schauen uns nur an, wie der Polarkreis selbst dargestellt wird. Und das lohnt sich wirklich: ein steinernes Band auf dem Boden und die Worte Polarkreis in verschiedenen Sprachen: Polarkreis. Arctic Circle. Cercle polaire. Napapiiri. 66° 32‘ 35‘‘. Sehr sehenswert! Wir sind schon außerhalb der Saison und es ist außer uns kaum jemand da, also albern wir ein bisschen mit der Kamera herum. Und wir erweitern unseren finnischen Wortschatz für Lebensmittel. Luumumunkki. Ein fettiges, süßes Gebäckstück, das ein wenig an Donuts erinnert. Recht gut, wenn auch nur als plastikverpacktes Teilchen an der Tankstelle.

Polarkreis Rovaniemi Motorräder
Arctic circle

Typisch finnisch, mit Sauna

Wir überlegen uns, wie wir die finnische Lebensart noch besser mitkriegen können, also buchen wir eine Unterkunft mit Sauna. Wenn die Finnen davon nicht genug kriegen können, dann sollten wir das im Land auch mal ausprobieren. Und wenig später sitzen wir in einer holzbeheizten Sauna im Keller des alten Schulhauses, in dem wir ein Zimmer für die Nacht gebucht haben. Der Raum ist aus rohen Brettern zusammengezimmert und duftet wunderbar nach Holz und Entspannung. Ein alter Zinkeimer mit Wasser sorgt für die nötige Luftfeuchtigkeit. Auch wenn wir eigentlich keine Sauna-Fans sind: wir hätten etwas verpasst, wenn wir das ausgelassen hätten.

In der Hauptstadt: Zimtbrötchen und Regenbogen-Zebrastreifen

Endlich erreichen wir Helsinki. Hier bleiben wir ein paar Tage, bevor wir die Fähre nach Estland besteigen. Die Hauptstadt Finnlands ist schön und sehenswert. Die meiste Zeit streifen wir eher ziellos durch die Stadt. Wir kommen an vielen kleinen Galerien und Modegeschäften vorbei. Auch gibt es im öffentlichen Raum viel Kunst: Statuen aus Bronze, das riesige Sibeliusmonument, aber auch Kleinigkeiten, die uns begeistern, wie zum Beispiel der Regenbogen-Zebrastreifen vor dem lutherischen Dom, ein deutliches Zeichen für die Weltoffenheit der Finnen.

Helsinki Dom mit Regenbogen-Zebrastreifen
Dom in Helsinki mit Regenbogen-Zebrastreifen

Auf dem riesigen Stadtfriedhof beobachten wir neugierige Eichhörnchen: sie kommen nahe an uns heran, schauen kurz und verschwinden wieder, nur um etwas später erneut aufzutauchen.

Sehr beeindruckt sind wir von der Felsenkirche (Temppeliaukion Kirkko). Sie wurde in einen großen Felsen hineingeschlagen und mit einer gewaltigen runden Kupferkuppel versehen. Zwischen Felsen und Kupferkuppel sind Fenster angebracht, so dass das Innere von Licht durchflutet wird. Wir sind die einzigen Besucher und genießen die spektakuläre Architektur. Die vier Euro Eintrittsgeld pro Person sind auf jeden Fall gut angelegt.

Im Café Regatta gönnen wir uns ganz traditionell Kaffee und Zimtbrötchen. Dazu ein schöner Blick auf die Ostsee. Auch wenn das Wetter eher grau und stürmisch ist, genießen wir die wenigen Sonnenstrahlen.

Und so ganz lässt mich meine langjährige Vergangenheit in der Versicherung nicht los: in der Innenstadt von Helsinki entdecken wir die Fassade der OP-Pohjola-Versicherung: sie ist übersät mit lauter Dingen, gegen die man sich besser versichern sollte: Hexen. Gnome. Bären. Lustigerweise auch Eichhörnchen. Wir amüsieren uns und entdecken immer neue finstere Gestalten. Der Name der Versicherung stellt ein hübsches Wortspiel dar: Pohjola ist ein Ort in der finnischen Mythologie und die Quelle des Bösen.

Pohjola-Versicherung Helsinki
Pohjola-Versicherung Helsinki

An unserem letzten Tag in Helsinki besuchen wir eine der vorgelagerten Inseln: Suomenlinna. Diese ist sehr praktisch mit der Fähre zu erreichen. Wir bestaunen die sternförmige Wehranlage, eine Kirche mit einem Zaun aus ausgemusterten Kanonen und natürlich das U-Boot. Die Insel ist zu Recht Weltkulturerbe. Auf dem Rückweg sind wir fasziniert von den riesigen Möwenschwärmen, welche die Fähre auf der Suche nach Fisch umkreisen. Im späten Nachmittagslicht kommen wir uns fast wie bei Hitchcocks „Die Vögel“ vor.

Möwen im Gegenlicht
Möwen im Gegenlicht

Nach zehn Tagen in Finnland verabschieden wir uns und freuen uns auf Tallinn.

Baltikum, wir kommen!

Falls Ihr Lust auf Stöbern habt: hier findet Ihr die Bildergalerie Finnland. Und falls Ihr unseren Norwegen-Vierteiler verpasst habt, schaut Ihr HIER.

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