Wir sitzen im Coffeeshop. Genießen Cappuccino und grilled cheese sandwiches. Am Nachbartisch sitzen zwei Frauen. Eine legt konzentriert Tarotkarten aus. Die andere sitzt angespannt da, in der Hand ein Stück Luftpolsterfolie, an der sie nervös herumdrückt. Die Bedienung bringt zwei riesige Schokomilchshakes. Die sind vermutlich gerade überlebensnotwendig. Über allem Kaffeeduft und amerikanische Songs aus den Neunzigern. Ich liebe derartige Reisemomente. So klein sie auch sein mögen, meist bleiben sie eher in meinem Gedächtnis als Museen oder Heldenstatuen.

Paraguay? Wollten wir nicht nach Chile?

Wir sind für ein paar Tage in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays. Der eigentlich Plan war, hier eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, die uns ermöglicht, unsere Motorräder für eine gewisse Zeit im Land zu lassen, ohne uns über Zoll, Visa etc. Gedanken zu machen. Leider hat es die paraguayanische Botschaft in Frankfurt auch in 2 Monaten nicht geschafft, unsere Dokumente rechtzeitig zu bearbeiten, so dass wir ohne die entsprechenden Papiere abfliegen mussten. Wir genießen also einfach ein paar Tage Sonne.

Unser Hotel im geschmackvoll renovierten Kolonialstil gefällt uns sehr: Das Zimmer ist nicht besonders groß, aber modern, dazu gibt es ein Schwimmbad auf dem Dach und einen Fitnessraum im 1. Stock. Ebenso eine Bar und einen überdachten Patio.
Rausgehen macht maximal vormittags Spaß, ansonsten ist es einfach zu heiß. 32 Grad Celsius. Die Luftfeuchtigkeit ist mit ca. 70 Grad angenehmer als befürchtet, trotzdem fühlt sich jeder Spaziergang nachmittags draußen an, als würde man gegen einen heißen Fön anrennen. Wir verbringen unsere Nachmittage daher meist drinnen, lesen und surfen. Genießen den Patio oder den Coffeeshop und planen unsere Chilereise um. Da vermutlich auch in den nächsten Wochen kein Grenzübergang Richtung Argentinien geöffnet sein wird, recherchieren wir, wie unsere Route gen Süden auf chilenischer Seite aussehen kann. Bislang waren wir von einer Zickzackroute ausgegangen, die uns mehrmals zwischen Argentinien und Chile hin- und her geschickt hätte. Im Süden Chiles zwischen O’Higgins und Puerto Natales gibt es kaum Straßen, dafür umso mehr Fähren durch die chilenischen Fjorde. Ich grinse, ich liebe Fähren.

Coffeeshop
Im Coffeeshop

Lebendige und farbenfrohe Märkte

An einem Tag spaziere ich über den mercado municipal No. 4, den mercado cuarenta. Ich genieße das, Wolfgang nicht, also bin ich alleine unterwegs.
Bei TripAdvisor.com steht: „Nur mit einem Fachkundigen reingehen, sonst verläuft man sich. Es ist wie ein Irrgarten.“ Wunderbar. Genau das mag ich. Ich schlendere durch die Gassen, biege mal rechts, mal links ab. If you don’t care where you are, you are not lost.
Ich laufe an unzähligen kleinen Ständen vorbei. Hier gibt es alles, was das Herz begehren könnte: Nicht chaotisch, sondern ordentlich nach Bereichen getrennt: in einem Teil des Marktes verkaufen alle Stände Kleidung, im nächsten Schuhe, dann folgenden Obst- und Gemüsestände, später sehe ich Telefon-Reparatur-Läden, einen neben dem anderen.
Besonders hat es mir mal wieder der Fleischmarkt angetan. Oft kann ich nicht mal identifizieren, was ich das sehe: ein Ochsenherz? Ein Lungenflügel? Oder ein Magen? Ich stelle fest, dass ich von (Tier-) Anatomie nicht die geringste Ahnung habe. Ich verspüre eine magenkribbelnde Mischung aus Faszination und Ekel und bin froh, als ich mich hinter der nächsten Ecke wieder zwischen Wassermelonenbergen und Tee-Verkaufs-Ständen wiederfinde.
Fremde Märkte begeistern mich immer wieder, ich könnte aber auch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: dicht nebeneinander liegen Obst, Gemüse und rohes Fleisch, einträchtig in der Sonne, Fliegen umkreisen die ganze Szene. Da hilft dann auch die schöne Erkenntnis nicht mehr, dass die rohen Hühnchen schon ofenfertig vorbereitet sind: durch die hintere Öffnung sieht man Zwiebeln, Tomaten und Kräuter.

Marktszene mit Obst und Fleisch
Rohes Fleisch direkt neben den Papayas

An Stelle von Kaffee: Matetee

Es gibt in Asuncion zwar Coffeeshops, aber deutlich verbreiteter als Kaffee ist der Genuss von Matetee. Dies fällt besonders auf dem Markt auf, praktisch neben jedem Verkäufer steht eine große Thermoskanne sowie ein kleinerer Becher, gefüllt mit grünen Blättern und einem metallenen Trinkhalm, der Bombilla. Der Becher wird über den Tag immer wieder mit Wasser nachgefüllt, bis die Teeblätter schwach werden und ersetzt werden müssen. Die Bombillas sind kleine Meisterwerke: meist aus Edelstahl, mit Mundstück am oberen und Filter am unteren Ende, damit die Teeblätter im Becher bleiben und nicht in den Mund gelangen. Gerade auf dem mercado cuarenta gibt es sie in vielen verschiedenen Designs: schlicht, oder mit Perlen, in Schwertform, was immer das Herz begeht.

zigarren
Zigarren und Mate-Tee-Zubehör

Eine Woche ist schnell vorbei

Wir schlendern ein letztes Mal durch die Straßen von Asuncion. Weichen großen Löchern im Gehsteig aus. Sehen obdachlose Kinder in Hauseingängen schlafen. Bedauern alte, kaputte und leere Häuser, freuen uns über die paar wenigen Häuser, denen man den früheren Reichtum der Stadt noch ansieht. Bewundern die kunstvoll bemalten Häuserwände. Und die Konsequenz, mit der vor jedem Laden, Hotel oder Restaurant mobile Waschbecken mit Seife und Händetrockner zur Hygiene auffordern.
Und besteigen dann ein Taxi zum Flughafen.
Chile wartet auf uns.

Haus
Asuncion muss einmal eine wunderschöne Stadt gewesen sein.

Wenn du Lust auf mehr Fotos hast, besuche doch unsere Fotogalerie Paraguay.

2 Gedanken zu „Reisemomente in Asuncion

  • Hallo Daniela & Wolfgang!
    Danke für die tollen Berichte und Bilder.
    Es ist einfach schön bei euch mitgucken zu dürfen.

    So, so – Wolfgang ist also kein Fan von Marktspaziergängen?
    Tja, also ich, ähem, also das eine M, passe wohl auch ins Männerklischee.

    Freuen uns schon auf weitere Bilder & Posts

    GlG
    M&M

    Antwort
    • Tja, welches M da wohl gemeint ist?
      Kann ich gar nicht verstehen, für mich wird das bunte Durcheinander von Obst, Gemüse und anderem Zeug nie langweilig.
      Aber es ist auch gut, auf einer Reise nicht alles gemeinsam zu machen. Ein Marktausflug ist ja auch Me-Time, und Wolfgang hat auch mal seine Ruhe.
      Sollte man nicht unterschätzen.
      Liebe Grüße aus Santiago de Chile
      Daniela

      Antwort

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