Wie lange bleibe ich an einem Ort?

In einem Fernreise-Forum wurde vor kurzem gefragt: „Wie lange bleibt Ihr an einem Ort?“ Und ich dachte mir: Puh, wir sind seit knapp 20 Monaten auf Reisen und ich kann die Frage nach der Verweildauer kaum beantworten. Zwischen null Tagen („Boa, wie schrecklich hier, ich will weiter!“) und 30 Tagen („Wunderschön, hier will ich bleiben!“) war schon alles dabei.

Die Verweildauer an einem Ort hängt von mehreren Faktoren ab:

  1. Zu erledigende Aufgaben
  2. Folgepläne
  3. Ruhebedürfnis
  4. Schönheit des Ortes
  5. Passende Unterkunft
  6. Kosten
  7. (Reise-)Typ
  8. Gesamtreisedauer
  9. Wetterbedingungen

Die entscheidenden Faktoren ist die ersten drei in der Liste. Zu erledigende Aufgaben, Folgepläne und das individuelle Ruhebedürfnis bestimmen die Verweildauer an einem Ort am meisten. Aber auch die anderen solltest Du nicht vernachlässigen.

Zu erledigende Aufgaben

Die Frage, wie lange ich an einem Ort bleibe, hängt maßgeblich an der Anzahl der Dinge, die ich zu erledigen habe. Unterschätze die Zeit nicht, die Du brauchst, um Dinge zu erledigen. Das kann so etwas Triviales wie Wäsche waschen oder etwas Komplizierteres wie Behördengänge sein. Gerade außerhalb von Europa sind Behördengänge oder Interaktionen mit Handwerkern oft zeitraubend.

Musst Du ein Amt oder eine Behörde aufsuchen, um zum Beispiel ein Visum zu beantragen, rechne einen kompletten Tag Zeit dafür ein.

Braucht dein Fahrzeug eine Reparatur oder eine Wartung (eine Motorradinspektion, neue Reifen oder ähnliches), rechne einen kompletten Tag dafür ein.

Auch übliche Reiseroutinen (Wäsche, Frisör, ein Loch in der Jeans flicken etc.) brauchen Zeit. Und zwar mehr als zu Hause. Du musst einen Waschsalon finden und dort vermutlich ausharren, bis alles fertig ist. Einen Frisör zu finden ist auch nicht immer leicht. Oder Du durchkämmst mehrere Supermärkte auf der Suche nach einer bestimmten Kochzutat, auf die Du gerade besonders Lust hast. Zu Hause wüsstest Du, wo Du das alles findest. In der Ferne ist alles unbekannter, aufregender und oft auch noch in unverständlicher Sprache beschriftet. Dafür bleiben diese Dinge leichter in Erinnerung. An meine Königsberger Klopse in Odessa – mit Piment – werde ich noch lange zurückdenken. Viel länger als die Male, in denen ich sie in Deutschland zubereitet habe.

Auch eine Stadtbesichtigung kostet Zeit und Kraft. Nach ein paar Stunden Laufen über Kopfsteinpflaster oder Asphalt hast Du vielleicht keine Lust mehr, abends noch durch die Clubs zu ziehen.

Folgepläne

Wie lange ich an einem Ort bleibe, hängt auch an den Terminen, die ich einzuhalten habe. Wenn Du einen gebuchten Flug erreichen musst oder einen fixen Einreisetermin irgendwo hast, dann hast Du natürlich wenig Flexibilität, Aufenthalte spontan auszudehnen.

Du wirst flexibler und entspannter reisen, wenn Du möglichst wenig fixe Termine hast bzw. diese erst spät im Reiseablauf festlegst.

Auf der anderen Seite gliedern fixe Termine die Reise auch und machen sie ein Stück weit überschaubarer. Je nach Menschentyp kann dies hilfreich oder belastend sein. Je besser Du Dich kennst, desto genauer kannst Du die Reise für Dich gestalten.

Ruhebedürfnis

Über die konkreten Aktivitäten hinaus macht es Sinn, Mußezeit einzukalkulieren. Einfach mal einen ganzen Tag nichts zu tun. Du willst ja auch regenerieren, mit Freunden chatten, vielleicht ein bisschen skypen oder einfach nur ein paar Stunden in der Hängematte liegen und in die Luft gucken. Plane dafür ausreichend Puffer ein.

Wann hast Du das letzte Mal wirklich Ruhe genossen? Bist Du tendenziell langsam unterwegs, planst Du Ruhezeiten meist schon gut ein. Reise-Neulinge unterschätzen das Thema oft. Die Folgen sind oft Stress und Reisemüdigkeit. Innehalten und bewusstes Genießen hilft hierbei.

Schönheit des Ortes

Gefällt Dir der Ort, an dem Du Dich gerade befindest? Dann solltest Du bleiben. Du machst die Reise ja nicht, um irgendwann irgendwo anzukommen, sondern vor allem deswegen, weil Du schöne Orte kennenlernen willst. Genieße es. Ist der Ort langweilig, kannst Du auch schnell wieder aufbrechen.

Passende Unterkunft

Ein paar Tage an einem Ort zu verbringen ist viel angenehmer, wenn die Unterkunft schön ist. Vielleicht suchst Du Dir mal eine besondere Übernachtungsmöglichkeit. Es gibt viele landestypische Möglichkeiten: eine Jurte in der Mongolei oder in Kirgistan, ein Baumhaus in Costa Rica oder eine Übernachtung in einem Kloster. Aber selbst das „langweilige 08/15-Apartment“ kann genau das sein, was Du gerade brauchst, um Dich wohl zu fühlen.

Weitere Tipps hierzu findest Du auch in unserem Blogbeitrag zum Thema „Wo schlafe ich auf Reisen?

Kosten

Neben „schön“ ist „bezahlbar“ auch ein Argument für Ort und Unterkunft. Was hilft Dir eine tolle Stadt, wenn Du Dir nur ein Bett in einem Gemeinschaftszimmer leisten kannst, Dir aber zum Ausspannen gerade viel Ruhe wünscht. Dann vielleicht lieber ein kurzer Actiontrip in die teure Stadt und danach etwas mehr Zeit zum Ausspannen an einem etwas weniger frequentierter Ort, der dafür bezahlbar ist.

Reise-Typ

Was für ein (Reise-)Typ bist Du? Lernst Du ein Land über die Clubszene oder über die Cafés und Landschaften kennen? Brauchst Du immer Action oder bist Du eher der gemächliche Mensch, der sich einem neuen Ort langsam nähert und etwas mehr Zeit benötigt, um sich wohl zu fühlen?

Je besser Du Dich und Deine Bedürfnisse kennst, desto genauer kannst Du Deine Reisephasen in Action- und Ruhephasen gliedern. Nach einiger Zeit wirst Du Deinen Rhythmus gefunden haben.

Gesamtreisedauer

Wie lange bist Du insgesamt unterwegs? Bist Du open-end unterwegs, kannst Du leichter einfach mal drei Wochen in einer Stadt bleiben, einfach so, weil sie Dir gefällt. Reisen ist nicht Urlaub. Reisen ist anstrengend, und zwischendrin brauchst Du mal Urlaub. „Urlaub vom Reisen“ sozusagen. Wenn Du kürzer unterwegs bist, musst Du die Verweildauer an einzelnen Orten vielleicht kürzen.

Wetterbedingungen

Manchmal ist der Blick in die Wetter-App frustrierend. Es macht aber Sinn, die Wetterentwicklung an Deinem aktuellen Aufenthaltsort und am Ziel im Blick zu behalten. Wir sind mit Motorrädern unterwegs und das macht bei Regen einfach keinen Spaß. Wenn wir irgendwo eine komplette Woche Regen erwarten, dann mieten wir uns ein Apartment und sitzen das einfach aus. Die Woche lässt sich gut nutzen, um Fotos zu sichten, Blogartikel zu schreiben oder einfach nur auf dem Sofa zu sitzen und zu lesen, zu surfen und Kaffee zu trinken. Am Ende der Woche haben wir dann beide wieder richtig Lust, auf die Maschinen zu steigen und loszufahren.

Aber auch, wenn Dein Transportmittel etwas weniger wetterabhängig ist, macht es oft mehr Spaß, bei besserem Wetter unterwegs zu sein. Mit ein wenig Planung bist Du meist bei schönem Wetter unterwegs.

Die Verweildauer an einem Ort unterliegt Phasen

Wie lange Du an einem Ort verbringst, hängt von den genannten neun Faktoren ab, unterliegt aber auch Phasen. Zu Beginn der Reise ist alles neu und Du bist wahrscheinlich erlebnishungrig. So geht es den meisten Reisenden. Man will alles in sich aufnehmen und Neues erfahren.

Später stellst Du dann fest, dass all die neuen Erlebnisse auch emotional verarbeitet werden müssen. Die Reisegeschwindigkeit wird langsamer. Die Seele muss nachkommen können.

Du musst auch nicht mehr sämtliche Sehenswürdigkeiten einer Stadt oder eines Landes sehen. Qualität ersetzt Quantität. Ich habe schnell festgestellt: ich habe viel mehr davon, mich in ein Café am Rande des Marktes zu setzen und Menschen zu beobachten, als durch sämtliche Kirchen und Museen zu hetzen.

Aber egal, ob Du dazu tendierst, länger oder eher kürzer an einem Ort zu verweilen: am wichtigsten ist, dass Du Dich mit Deiner Wahl wohlfühlst.

Was tun, wenn Reisemüdigkeit einsetzt?

AUF JEDEN FALL ist eine Verlangsamung der Reisegeschwindigkeit angesagt, wenn Du anfängst, Dich unwohl zu fühlen. Heimweh, Stress, Unlust, irgendetwas zu unternehmen sind deutliche Warnsignale. Horche in Dich hinein. Wenn Du reisemüde wirst, ist es eine gute Idee, an einem schönen Ort etwas länger zu bleiben.

Suche Dir eine hübsche Unterkunft und tu erst mal gar nichts. Chille. Gehe spazieren. Such Dir ein Café und genieße einfach nur die Umgebung. Du hast Dir Dein Leben so ausgesucht. Diese Freiheit hat kaum jemand sonst. Genieße das.

Meistens sieht die Welt nach ein paar Tagen Ruhe schon anders aus.

Falls nicht, dann musst Du allerdings etwas tiefer graben: warum gefällt Dir die Reise gerade nicht? Kannst Du etwas ändern?  Im schlimmsten Fall ist auch ein Reiseabbruch denkbar. Aber Du würdest Dich ärgern, wenn Du die Reise abbrichst und nach ein paar Tagen daheim feststellst, dass Dir einfach nur ein bisschen Ruhe und Entschleunigung auch geholfen hätte.

Slow Travelling. Die Vorteile des langsamen Reisens

Reisen ist anstrengend. Wir erleben so viele Dinge. Der Körper bewegt sich schnell fort, aber die Seele muss auch mitkommen. Wer viel sieht, muss viel verarbeiten. Daher spricht alles dafür, langsam und bewusst zu reisen. Vorausgesetzt natürlich, dass man sich die Zeit dafür nehmen kann.

Es gibt noch einen großen Vorteil davon, langsam unterwegs zu sein. Langsames Reisen ist einfach billiger. Die täglichen Kosten setzen sich aus mehreren Blöcken zusammen: die drei größten sind Transport, Unterkunft und Essen. Fahre ich jeden Tag einen Ort weiter, fallen täglich Kosten für Fahrzeug oder öffentliche Verkehrsmittel an. Das ist zwar in einigen Teilen der Welt billiger als in anderen, aber es summiert sich im Laufe der Zeit zu beträchtlichen Beträgen. Wechsle ich nur alle paar Tage den Ort, lässt sich viel Geld sparen.

Bin ich länger an einem Ort, kenne ich mich dort viel besser aus, als wenn ich nur einen Abend dort verbringe. Ich weiß irgendwann, wo sich die günstigen Lebensmittelgeschäfte befinden oder nutze Markttage zum Einkaufen. Ich kann mir Zeit lassen und manchmal selber kochen statt essen zu gehen. Viele Spartipps, die man im Internet oder in Diskussionen mit anderen Reisenden erhält, laufen auf das Gleiche hinaus: Entweder du gibst Geld aus oder Zeit. Preisgünstiges Laufen oder teures Taxifahren? Billiges Selberkochen oder teures Essengehen? Preiswertes Entdecken durch Wandern oder teure geführte Tagestouren? Wobei ich gerade geführte Touren gar nicht verteufeln will, im Gegenteil. Wir haben einige wirklich gute mitgemacht. Und wie heißt es so schön: „Der Gaumen ist ein guter Reiseführer durch jedes Land“. Das geht mit Selbstkochen natürlich kaum. Aber wie immer macht es der Mix, und die Gewichtung muss man selbst entscheiden.

Aber wie bei allem ist am Ende nur eines entscheidend: Du fühlst Dich damit wohl!

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