Welches ist das ideale Motorrad für eine Weltreise?

Wir haben uns lange auf unsere Weltreise vorbereitet, und eine der wichtigsten Frage war: welches Motorrad werden wir fahren?

Zu Beginn haben wir rumgeträumt: Was hätten wir denn gerne? Unser Traummotorrad hatte viel Komfort, wenig Gewicht, wenig Kraftstoffverbrauch und möglichst aktuelle Technik. Also haben wir uns verschiedene Maschinen angesehen, sind einiges Probe gefahren und mussten dann ernüchtert feststellen: Das ideale Reisemotorrad gibt es nicht.

Also muss ein Kompromiss her. Wir haben uns dann hingesetzt und aufgeschrieben, was uns wichtig ist. Hier ist unsere Liste:

Kriterien und Randbedingungen

1.) Fährt man alleine oder zu zweit auf einem Motorrad?

Dies ist die erste Frage, die entscheidend die Wahl des Motorrads beeinflusst. Fährt man zu zweit auf einem Motorrad, fallen die kleinen Einzylinder schon mal weg. Hier fällt die Masse des Motorrads auch nicht mehr so entscheidend ins Gewicht, da es ja zwei Personen und das Gepäck für beide trage muss. Fährt man alleine auf einem Motorrad, dann hat man alle Optionen von der kleinen 250er bis zur 150PS Reiseenduro.

Wir sind beide keine begeisterten Soziusfahrer, daher war von Anfang an klar: Jeder bekommt auch auf der Weltreise sein eigenes Motorrad. Das verdoppelt auch die Menge an Ausrüstung, die bequem mitgenommen werden kann. Ich habe Achtung vor allen, die zu zweit auf einem Motorrad um die Welt fahren, bin aber trotzdem froh, dass ich selbst lenken darf.

2.) Lieber ein neues oder ein altes Motorrad?

Das ist vor allem eine Frage nach dem vorhandenen Budget, aber nicht nur.

Klar gilt: je älter ein Motorrad ist und je mehr Kilometer es bereits auf dem Tacho hat, desto günstiger ist es auch. Und: je günstiger die Ausrüstung, desto mehr Geld bleibt für die eigentliche Reise.

Auf der anderen Seite sind moderne Motorräder so voller Elektronik, dass man in den tiefsten Gegenden der Welt Probleme hat, das Motorrad repariert zu bekommen, falls etwas ausfallen sollte. Wie oft haben wir in der Diskussion um das perfekte Motorrad gehört: „Dieses Modell kann man überall auf der Welt reparieren.“ Ja, das kann man, aber meist muss man das auch. Bei etwas neueren Motorrädern hat man eine gewisse Chance, dass sie auch eine Langzeitreise ohne größere Probleme und Reparaturen überstehen.

Neuere Motorräder haben auch den Vorteil, dass es meist mehr Zubehör gibt.

3.) Komfort

Willst Du Leichtigkeit für Offroadpassagen oder Komfort für lange Distanzen? Hier ist Ehrlichkeit gefragt. In diversen Motorradforen bekommt man den Eindruck, nur Offroad sei das Wahre. Aber wenn Du Dich auf der Straße wohler fühlst und nur gelegentlich mal auf schlechte Pisten gerätst, dann macht eine Hardcore-Enduro wenig Spaß.

Wie meist liegt die Wahrheit in der Mitte: Viele moderne und bequeme Motorräder sind schwer und damit oft unhandlich. Je mehr Zeug angebaut ist, desto mehr Gewicht bringt die Maschine halt auch auf die Waage. Auf einer glatten Asphaltstraße machen sie viel Spaß, auf grobem Schotter, tiefem Sand oder beim Rangieren aber hat man schnell Schweißperlen auf der Stirn. Und flucht.

Überleg Dir, was Du fahren willst: das ideale Europa-Motorrad ist vielleicht ein anderes als das ideale Mongolei-Motorrad. Wenn ein Motorrad alles abdecken soll, muss ein Kompromiss her.

4.) Gewicht

Je leichter, desto einfacher hat man es. Dabei sind sich tatsächlich die meisten Motoradfahrer einig. Viele Hersteller haben das mittlerweile auch begriffen und reagiert. Wog die BMW R 1150 GS noch 265 kg (Leergewicht vollgetankt), waren es bei der F1200 GS „nur noch“ 229 kg. Aber für schwierige Pisten ist das noch immer recht viel. Zumal ja Anbauteile (Sturzbügel, Gepäcksystem und Koffer), Gepäck und auch der Fahrer selbst mit seinen Klamotten noch on-top kommen.

Gewicht ist bei einem auf Asphalt fahrenden Motorrad zu vernachlässigen, aber sobald es schwierig wird, wünschen sich die meisten weniger Kilo auf dem Buckel: Wer schon mal auf Schotterpassagen beim umgekippten Motorrad erst mal alle Koffer abnehmen musste, um die Maschine wieder aufzurichten, weiß, wovon ich spreche. Und ich erinnere mich gut an die verständnislosen Blicke der Einheimischen, als wir uns in der Mongolei durch Tiefsand quälten, während sie auf ihren Minimaschinen entspannt an uns vorbeizogen.

5.) Zuladung

Wer es geschafft hat, mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein, der darf ein kleines und leichtes Motorrad wählen. Wer Werkzeug, Ersatzteile, Zelt und die volle Campingausrüstung dabei hat, der sollte die Zuladung seines Traumbikes prüfen. Er wird sich wohler fühlen, wenn er das Motorrad nicht bis zur zulässigen Grenze belädt.

Wir hätten die Zuladungsgrenze der Honda CRF 250 Rally, mit der wir vor der Reise geliebäugelt haben, vermutlich ziemlich ausgereizt. 316 Kilogramm sind leider schnell erreicht. Ich kann nur jedem empfehlen, seine Packliste mit Gewichtsangaben zu versehen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel Kilogramm man auf Reisen schickt. Und ja, dazu gehören auch Motorradkombi, Enduro-Boots und der Fahrer selbst.

Bislang kennen wir fast nur Reisende, die sich vorgenommen haben, schlank zu packen und dann doch nach wenigen Monaten mehr und mehr Gepäckstücke zurückschicken oder im Hostel zurücklassen. Das ging uns selbst ja nicht anders.

6.) Hohe Reichweite

In Europa mit seinem dichten Tankstellennetz ist ein großes Tankvolumen zwar angenehm, aber nicht besonders wichtig. Auf der Strecke zwischen Beineu in Kasachstan und Kungirot in Usbekistan zum Beispiel gibt es aber auf über 400 Kilometern keine Tankstelle (Stand Sommer 2019). Hier freut sich wiederum jeder mit hoher Reichweite. Je weiter Du Dich von Europa entfernst und je ärmer das Land ist, desto wichtiger ist die Größe des Tanks.

Natürlich kannst Du Dich auch einfach gut informieren und auf unsicheren Strecken eine Plastikflasche mit Benzin dabeihaben. Oder Du bleibst ohne Benzin liegen und bittest das nächste Auto, das vorbeikommt, um Benzin. Klappt alles. Das Leben mit einem etwas größerem Tank ist aber leichter.

Auf der anderen Seite ist ein großes Tankvolumen auch mit hohem Gewicht verbunden: Du musst den Sprit ja auch mitschleppen. Also auch hier wieder: Es ist ein Kompromiss gefragt.

7.) Zuverlässigkeit / Robustheit

Eine wichtige Anforderung an unser Weltreisemotorrad lag in seiner Zuverlässigkeit. Es sollte kein hochgezüchteter Motor sein, der nur mit 10W60 vollsynthetischem Öl und 98 Oktan Sprit glücklich ist und gut läuft. Wir sind schon davon ausgegangen, dass der Kraftstoff oft schlecht, ggf. sogar verschmutzt sein könnte. Toleranz gegenüber schlechtem Sprit war also eine entscheidende Anforderung. Darüber hinaus haben wir uns einen Motor gewünscht, der einfach nicht anfällig ist und problemlos Staub, Schlaglöcher und Waschbrettpiste wegsteckt. Und natürlich 10W40-Öl und schlechten Sprit verträgt.

Zum Teil kann gute Ausrüstung schlechten Kraftstoff abfedern. Wir haben spezielle Filter in unserem Tankstutzen, der unter anderem kleine Schmutzpartikel ausfiltert. Aber bei zu wenig Oktan im Sprit hilft das natürlich auch nicht.

8.) Leistung

Die Leistung des Motorrads war uns zunächst egal. Anders als in den Kurven der Dolomiten oder auf deutschen Autobahnen sind im Rest der Welt viele Pferdestärken eher unerheblich.

Als wir dann aber mal unseren Favoriten, die Honda CRF 250 Rally, Probe gefahren sind, fanden wir sie doch ein bisschen untermotorisiert. Wir kennen mittlerweile viele Reisenden, die mit dieser Maschine unterwegs und zufrieden sind, wir konnten uns damit aber nicht wirklich anfreunden und haben daher auf ein bisschen mehr PS spekuliert.

9.) Sitzhöhe

Das Thema Sitzhöhe unterschätzen große Menschen (wie auch Wolfgang) gerne. Mit seinen fast 1,90 Metern und langen Beinen ist es für ihn nie ein Problem, auch die höchsten KTMs toll zu finden. Meine kurzen 1,69 Meter, kombiniert mit nicht allzu langen Beinen, machen da schon mehr Probleme. Und wenn ich nicht halbwegs mit den Füßen auf den Boden komme, habe ich bei bestimmten Situationen Schwierigkeiten. Und zwar beim Rangieren, Rückwärtsrollen auf Schotter oder eben bei Flussdurchfahrten, wenn man das Motorrad nicht mal eben mit dem Fuß stabilisieren kann, wenn es kippt. Das musste ich auf Island schmerzlich erfahren, als ich mitsamt meiner KTM bei stärkerer Strömung einfach ins Wasser gekippt bin, weil ich sie nicht mehr abfangen konnte.

Die Anforderung ans Weltreisemotorrad war also klar: entweder eine ohnehin niedrige Sitzhöhe, oder die Möglichkeit, mit tieferer Sitzbank oder kompletter Tieferlegung meine Füße auf den Boden zu kriegen.

Wobei niedrige Sitzhöhe nicht gleichbedeutend ist mit gutem Bodenkontakt. Manchmal sind Fußrasten im Weg oder die Sitzbank ist sehr breit. Trotzdem ist die Sitzhöhe schon ein guter Anhaltspunkt. Am Ende hilft aber nur: austesten. Also: Probefahrten.

10.) Ersatzteilversorgung

Dieser Punkt hat uns lange Sorgen gemacht, denn wir haben uns schwergetan, das einzuschätzen. Ist BMW weltweit gut vertreten oder eher Honda? Oder welcher Hersteller sonst? Uns wurde gesagt: „Nehmt Honda, die wird ja überall gebaut.“ Andere meinten: „Na ja, es werden ja nur die winzigen Hondas überall gebaut, die europäischen Modelle eher nicht.“ Und wir waren wieder so schlau wie am Anfang. Immerhin war uns klar, dass unsere Auswahl eher nicht auf einen Exoten wie CCM fallen würde, auch wenn wir das zwischendrin in Erwägung gezogen haben.

11.) Zubehör

Die Auswahl beim Zubehör ist nicht entscheidend, aber es ist auf jeden Fall angenehm, ein bisschen Auswahl zu haben. Zum Beispiel fahre ich mittlerweile mit veränderten Fußrasten, weil jetzt der Kniewinkel passt. Sehr angenehm, gerade wenn die Strecke mal wieder länger ist. Oder ich nutze einen stabileren Motorschutz, für den es zusätzlich eine angeschraubte Werkzeugbox gibt, so dass schweres und wenig benutztes Werkzeug am tiefsten Punkt des Motorrades platziert wird.

12.) Wartungsintervalle

Das Thema Wartungsintervall ist innerhalb von Europa und bei neueren Maschinen wichtiger als auf einer Weltreise. Interessant ist es an zwei Punkten.

  • Erstens, wenn man das Motorrad nach der Reise weiterfahren will und ggf. mal Garantie oder Kulanz des Herstellers in Anspruch nehmen will.
  • Und zweitens kann die Länge des Intervalls ein Indikator dafür sein, wie hochgezüchtet ein Motor evtl. ist.

Unsere Kandidaten

In der engeren Wahl waren:

  • BMW G650 GS Sertao als würdige Nachfolgerin der Dakar. Technische Daten hier.
  • BMW F800 GS. Technische Daten hier.
  • Honda CRF 250 Rally als Leichtgewicht. Technische Daten hier.
  • Suzuki DR 650. Technische Daten (PDF) hier.
  • HEUTE wäre auch eine Yamaha Ténéré 700 in der engeren Auswahl. Technische Daten hier. Als wir aufgebrochen sind, gab es sie noch nicht
BMW G650 GS SertaoBMW F800 GS ab 2017HONDA CRF 250 RallySuzuki DR 650 (SP46)Yamaha Ténéré 700
Neukaufgebaut 2012-14Neukauf möglichNeukauf möglichnur gebrauchtNeukauf möglich
Leergewicht vollgetankt193 kg214 kg157 kg147 kg204 kg fahrfertig
zulässiges Gesamtgewicht380 kg444 kg316 kg355 kg394 kg
Tankinhalt14 Liter16 Liter10,1 Liter13 Liter16 Liter
Verbrauch3,2 Liter/100 km5,1 Liter/100 km3 Liter/100 km5,7 Liter/100 km4,2 Liter/100 km
Leistung48 PS85 PS25 PS32 PS73 PS
Sitzhöhe86 cm88 cm89,5 cm89 cm87,5 cm
Wartungsintervallalle 10.000 kmalle 10.000 kmalle 12.000 kmalle 6.000 kmalle 10.000 km
Eine kleine Entscheidungshilfe

Unsere Entscheidung

Nach vielem Hin und Her haben wir uns für zwei BMW G650 GS Sertaos entschieden.

Die Hauptkriterien waren:

  • Guter Komfort
  • Die Robustheit des Rotaxmotors
  • Gutes Handling
  • Reichhaltige Ausstattungsmöglichkeiten
  • Akzeptables Gewicht
  • Großer Fahrspaß

Das war 2018.

Wir sind dann im Folgejahr 25.000 Kilometer von Erding bis in die Mongolei gefahren und haben dabei wahrlich schlechte Straßenverhältnisse kennengelernt: Sand, Schotter, Waschbrettpiste, alles war dabei. Aber wir haben unsere Entscheidung nicht bereut. Die Sertaos sind einfach klasse Motorräder.

Und welches Motorrad ist jetzt das perfekte Weltreisemotorrad?

Es gibt kein Motorrad, das für alle perfekt ist. Alles ist möglich.

Wir haben auf der schwierigen Südroute des Pamir-Highways eine junge Frau auf einer Honda Fireblade gesehen. Sjaak Lucassen bereist die Welt seit Jahrzehnten mit ungewöhnlichen Motorrädern, unter anderem mit einer Honda Fireblade sowie einer Yamaha R1.

Für mich wären Fireblade und R1 nicht mal in der Diskussion, aber: jedem das Seine.

Auf unserer Reise haben wir viele andere Weltreisende getroffen. Es waren deutlich mehr mit modernen großen Maschinen (1200 GS, neue Africa Twin) unterwegs als mit alten kleineren.

Wir haben unsere Entscheidung für die BMW G650 GS Sertao aber nicht bereut.

Müssten wir heute neu entscheiden, würden wir vermutlich die 700er Ténéré mal zur Probefahrt ausleihen. Von der haben wir in der Motorrad-Community viel Gutes gehört. Ob sie uns am Ende besser taugt als unsere BMWs, bleibt aber abzuwarten.

Ganz sicher aber gilt: Das richtige Motorrad für Dich ist dasjenige, das Dir am meisten Spaß und am wenigsten Stress macht.

Falls Ihr wissen wollt, welche 35 Umbauten wir an den BMWs vorgenommen haben, um sie zu unserem perfekten Weltreisemotorrad zu machen, könnt Ihr das HIER nachlesen. Oder in der Bildergalerie „BMW Umbauten“ direkt anschauen.

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