Museumsmomente mit Seehundwelpen und Pinguinen

Als wir die Antarktis verließen, ging ich davon aus, dass wir den spektakulären Teil der Reise hinter uns haben. Weit gefehlt. Schon die erste Anlandung in Gold Harbour ließ uns staunen. So viele Pinguine in einer Kolonie gab es in der Antarktis nicht. Und es wurde noch dramatischer.
Wir legen in der St. Andrews Bucht an. Und kriegen den Mund nicht mehr zu: schwarz-weiße Gestalten bis zum Horizont. Hunderttausende. So viele Königspinguine in einer einzigen Kolonie haben wir bislang nicht zu Gesicht bekommen. Echtes Gänsehaut-Feeling.

Königspinguine
Eine Königspinguin – Gang

Grytviken

Die Hauptstadt Südgeorgiens, Grytviken, sehen wir leider nur vom Zodiak aus. Dort leben in der Sommersaison einige Menschen – und wir sind noch keine 10 Tage coronafrei. Keine Anlande-Erlaubnis. Schade. Immerhin können wir mit den Schlauchbooten die Küstenlinie entlang fahren und sehen auch so einiges. Das Museum und damit die Begegnung mit Menschen, die tatsächlich auf dieser abgelegenen Insel wohnen, bleibt uns verwehrt.
Dennoch fasziniert uns der Ausflug: Die alten Walfangboote sind sowohl erschreckend als auch beeindruckend, ebenso wie die riesigen Kessel zur Verarbeitung der gefangenen Tiere. Matthew aus dem Expeditionsteam erzählt mir später, dass die Schiffe in den ersten Jahren des Walfangs die Bucht nicht einmal verlassen mussten, so viele Tiere gab es.
Heute erfreuen wir uns vor allem an den Seehunden. Shackleton, der berühmte Antarktisforscher , würde sich bestimmt freuen, wenn er wüsste, wie viele Seehunde und Pinguine in Sichtweite seines Grabes herumtollen.

Grytviken
Friedhof Grytviken
Grytviken
Alter Walfänger in Grytviken

Wir träumen von einem Haustier

Die nächste Anlandung findet in Jason Harbour statt. Hatte ich ursprünglich mal angenommen, dass sich die Anlandungen irgendwann ähneln, werde ich schnell eines Besseren belehrt. Jeder Strand ist anders. Und in Jason Harbour befindet sich ein Seehund-Kindergarten.
Wir spazieren den Strand entlang, genießen den Anblick von Seehunden im hüfthohen Tussockgras und von Pinguinen direkt am Wasser. Irgendwann stellen wir fest, dass besonders viele junge Seehunde unterwegs sind. Sie erinnern uns an Hundewelpen, die umhertollen und Spaß haben.
Am Ende des Strandes sehen wir einen kleinen Tümpel. Darin tobt eine Gruppe Seehundwelpen. Sie balgen spielerisch miteinander, tauchen ab und wieder auf – und es sieht aus, als hätten sie einen Riesenspaß. Uns geht es ähnlich und wir können uns kaum von diesem Anblick losreißen.

Seehund-Kindergarten
Seehund-Kindergarten

Irgendwann treten wir den Rückweg an. Schon nach ein paar Schritten bemerken wir, dass einer der Welpen uns folgt. Oder zumindest in dieselbe Richtung unterwegs ist. Wir gehen etwas schneller, weil wir ihn nicht bedrängen wollen, aber er bleibt dran. Wir werden langsamer, er überholt, bleibt dann aber stehen und schaut uns an. Als wolle er mit uns mit. Wunderbar, wir würden ihn ja auch mitnehmen und malen uns schon das Leben mit einem kleinen Haustier aus. Leider biegt er irgendwann ins hohe Tussockgras ab. Schade. Aber wohl besser so. In Ermangelung eines Wohnsitzes mit Schlammgarten und Fischteich geht es ihm hier bestimmt besser.

Seehundwelpe
„Unser“ Seehundwelpe – süß, oder?

Das Wetter und der Autofokus

Meine Kamera hat einen recht ordentlichen Autofokus. Bei Schneefall liegt der Fokus der Bilder leider oft nicht auf dem Motiv, sondern auf einzelnen Schneeflocken davor. Aus technischer Sicht macht die Kamera das korrekt. Und zugegeben – es ergibt spannende Bilder. Am Ende aber wollte ich ja keine Kunst erschaffen, sondern schöne und scharfe Fotos von Pinguinen haben.
Tja. Immerhin sind die Bilder in meinem Kopf scharf. Und schön!

unscharfes Pinguinbild
Wenn der Autofokus die Schneeflocken mag…

Fortuna Bay und 200.000 brütende Königspinguin-Paare

Das schlechte Wetter, starker Schneefall und zu viel Eis in den Buchten, verhindert mehrere Anlandungen. Statt mindestens sieben in Südgeorgien finden nur vier statt, auch der Besuch der Falklandinseln muss (pandemiebedingt) ausfallen. Das Team der Hurtigruten gibt sich Mühe, das auszugleichen, mit Zodiak-Touren oder Aktivitäten an Bord. Aber es ist klar: Dies ist keine Kreuzfahrt, bei der alle Aktivitäten vorher bekannt sind. Es ist eine (zugegeben, luxuriöse) Expedition und damit stark wetterabhängig. Das ist schade, aber schon das, was wir gesehen haben, ist einmalig.
Als wir in Fortuna Bay anlanden, ist uns nicht klar, dass dies die letzte Anlandung sein wird. Wir merken aber schnell, dass es sich um einen absoluten Höhepunkt handelt. Wir schlendern wie gewohnt den Strand entlang und erklimmen am Ende einen kleinen Hügel. Von dort aus haben wir einen erstklassigen Überblick. Schnatternde, schwarz-weiße Gestalten bis zum Horizont. Die Jungtiere sind an ihrem braunen Kinderfell zu erkennen. Über allem kreisen einige Raubmöwen. Es schneit. Und direkt vor uns, auf dem Hügel, spaziert ein einzelner Königspinguin herum, betrachtet abwechselnd uns und die Kolonie unten.
Mal wieder sind wir sprachlos, stehen nur da und schauen.

Das Ende naht

Der Rest der Reise ist schnell erzählt. Wir verbringen vier komplette Tage damit, durch die berüchtigte Drakepassage wieder nach Chile zurückzufahren. Der Wind steigert sich zum Hurrikan (bis zu 74 Knoten, ab 65 spricht man von Hurrikan). Ich verbringe meine Zeit entweder im Bett (das beste Mittel gegen Seekrankheit) oder an Deck, um Möwen und Albatrosse zu fotografieren. Natürlich begegnen wir wieder Walen, auch Delfine lassen sich blicken und dämpfen damit die Schwermut, die uns befällt, wenn uns klar wird, dass wir diese wunderbare Reise fast hinter uns haben.
Den letzten Abend genießen wir mit Hans-Günter, Angelika und Steffi bei einem Gin Tonic in der Lounge. Auch Sean, der sympathische Brite vom Expeditionsteam gesellt sich dazu. Wir lachen viel und lassen die Reise Revue passieren. Und wir sind uns einig: Es war eine traumhafte und einmalige Erfahrung.

Dreamteam
Dreamteam mit Shackleton: mit Hans-Günter, Angelika und Steffi

Museumsmomente

„Wie wäre es, wenn jeder Tag unseres Lebens katalogisiert würde?
Unsere Gefühle, die Menschen, mit denen wir zu tun haben, die Dinge, mit denen wir unsere Zeit verbringen.
Und wenn am Ende des Lebens ein Museum eingerichtet würde, in dem genau das zu sehen wäre?“ (Aus: Big Five For Life, von John Strelecky).
Wir würden am Ende genau sehen, wie viel Zeit wir im Büro verbracht haben, mit Menschen, die wir aus Pflichtgefühl treffen, mit langweiligen Routinen. Auch das sinnfreie Rumdaddeln im Internet. Auf der anderen Seite natürlich auch die schönen Augenblicke. Die dir Gänsehaut verursachen. Die dir guttun und dich strahlen lassen. Menschen, denen du begegnet bist. Nächte unterm Sternenhimmel. Alle Momente, die dir das Gefühl geben, wirklich zu leben.
Diese Museumsmomente sind kostbar.
Und ich bin dankbar, dass auf dieser Reise so viele dazugekommen sind.

Mehr Fotos findet ihr in unserer Fotogalerie Südgeorgien. Viel Spaß beim Stöbern!

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