Durchs Baltikum

In Helsinki besteigen wir die Fähre und freuen uns auf das Baltikum.

Für alle, die jetzt hektisch zu googeln beginnen: Unter den baltischen Staaten versteht man Estland, Lettland und Litauen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben alle drei ihre Unabhängigkeit erklärt. Alle drei gehören seit 2004 zur europäischen Union und haben zusammen gerade mal 6 Millionen Einwohner.

Nach nur zwei Stunden Fahrt legt unsere Fähre in Tallinn an, der Hauptstadt Estlands. Nachdem wir in letzter Zeit viele Kilometer in wenig Zeit hinter uns gebracht haben, freuen wir uns auf eine ganze Woche Hotel mit Frühstücksbuffet und Pool.

Tallinn – Estlands quirlige Hauptstadt

Nach dem reichen Helsinki ist Tallinn deutlich ärmer, allerdings reich im Vergleich zu den meisten Gegenden des Baltikums, wie wir später feststellen sollten. Wir dagegen genießen unser Hotel mit Pool und Whirlpool, gerade nachdem wir mehrere Wochen lang ziemlich gefroren haben. So toll das Unterwegssein mit dem Motorrad ist, wir sind immer dem Wetter ausgesetzt und bislang schützen wir uns vor Nässe besser als vor Kälte. Wir haben allerdings schon beschlossen, dass wir vor dem nächsten Winter in beheizbare Kleidungsstücke investieren werden. Die Firma Heizteufel hat ein paar wirklich gute Ideen, von Socken über Hosen, Westen bis zu beheizbaren Innenhandschuhen. Mal sehen, was es wird. Ein bisschen Zeit ist ja noch, wir wollen ja erst mal ins Warme.

Zunächst aber streifen wir durch die Straßen der Hauptstadt. In der Nähe unseres Hotels befindet sich das Mahnmal der Estonia. Der Name des Schiffes bleibt wohl für immer verbunden mit einem der schwersten Schiffsunglücke der europäischen Nachkriegsgeschichte. 852 Menschen kamen am 28.9.1994 beim Untergang der Fähre Estonia auf ihrem Weg nach Stockholm ums Leben. Das Kunstwerk „broken line“ zeigt den dadurch entstandenen Riss im Leben vieler Familien sehr eindrucksvoll.

Monument Broken Line in Tallinn
Monument Broken Line in Tallinn

Aber auch sonst findet sich in der Hauptstadt Estlands viel Kunst: mehrere schwarze Bronzemönche, die uns verdächtig an Star Wars erinnern. Viel schöne und aufwendige Graffiti. Und das Roterman-Viertel, in dem unser Hotel steht, ein altes Industrieviertel, das in den letzten Jahren modernisiert wurde und nun eine Vielzahl von Cafés und Einkaufsmöglichkeiten bietet. Wir besuchen die Valgevase, eine Straße, in der besonders viele traditionelle Holzhäuser stehen. Ein Teil ist gut restauriert und sehenswert, ein anderer Teil dagegen heruntergekommen und wird wohl nicht mehr sehr lange halten. Schade.

Viel Zeit verbringen wir in Telliskivi, dem Viertel der Kreativen in Tallinn. Hier ist die Graffiti-Dichte noch mal höher als im Rest der Stadt. Wir genießen Kunstwerke, Foodtrucks und Coffeeshops.

Graffiti in Telliskivi, Tallinn
Graffiti in Telliskivi, Tallinn

Maarjamäe Memorial – Erinnerung an die Opfer des Kommunismus

Überhaupt ist Tallinn anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Wir hatten mehr Plattenbauten und hässliche Sowjetarchitektur erwartet. Mehr Bettler, mehr Armut allgemein. Vielleicht haben wir uns nicht weit genug von der Innenstadt und den Trendvierteln wegbewegt, aber was wir zu sehen bekommen, zeugt von großem Selbstbewusstsein als Nation. Vieles haben wir einfach im Vorfeld nicht gewusst: Zum Beispiel, dass Boris Jeltzin eine solch bedeutende Rolle im Unabhängigkeitskampf Estlands gespielt hat. Überhaupt ist das Verhältnis zur früheren Sowjetunion kein einfaches, so allgegenwärtig, wie es in der Kunst von Tallinn zu finden ist.

An einem Tag fahren wir mit kleinen Leih-Scootern zum Maarjamäe Memorial hinaus. Ein imposantes Mahnmal, welches an die Opfer des Kommunismus erinnert, eingebettet in einen schönen, großen Park. Daran an schließt sich ein weiteres Mahnmal zur Erinnerung an den 2. Weltkrieg, danach kommt ein Filmmuseum mit einem schönen Café. Nachdem wir bei Cappuccino und Meerblick die Eindrücke etwas sacken lassen konnten, entdecken wir hinter dem Haus noch eine spannende Sammlung: den Friedhof der verlassenen Sowjet-Statuen. Hier stehen Dutzende Statuen von Lenin, Stalin und Co, die von estnischen Künstlern erschaffen, dann aber nach der Unabhängigkeit abgebaut wurden. Man wollte sie weder verschrotten noch irgendwo zur Verherrlichung des Kommunismus stehen lassen, also wurden sie einfach hier, in einer Ecke des Gartens, abgestellt. Schilder beschreiben, wen die jeweilige Statue darstellt sowie wo und wann sie abgebaut wurde. Ein ungeheuer spannendes Stück Geschichte und ein tolles Beispiel, wie differenziert Estland mit seiner Vergangenheit umgeht.

(Nebenbemerkung: wer mehr Fotos von Tallinn und Riga sehen will als hier im Artikel abgebildet sind, stöbert in unserer Bildergalerie, die wir mittlerweile zu vielen unserer Blogartikel haben. Wir haben einfach zu viele Eindrücke fotografisch festgehalten.)

Maarjamäe Memorial
Maarjamäe Memorial: Denkmal in Erinnerung an Estlands Opfer des Kommunismus

Nachdem Wolfgangs Honda eine Inspektion bekommen hat (immerhin haben wir noch Garantie), nutzen wir den letzten Abend in Tallinn, um einen kulinarischen Tipp auszuprobieren, den Jan und Silke von travelove uns gegeben haben: mit viel Knoblauch frittierte Roggenbrotstäbchen mit Knoblauchdip. Wunderbar, herzhaft, macht eindeutig süchtig, ebenso wie Kvass, den fermentierten Brottrunk, den wir ja aus Zentralasien schon kannten. Nicht alkoholisch, ähnlich wie Malzbier, aber vom Geschmack noch mehr wie Roggenbrot. Sehr lecker. Wir schwelgen mal wieder. Es ist schon ein guter Ansatz, ein Land über den Gaumen kennenzulernen.

mit viel Knoblauch frittierte Roggenbrotstäbchen mit Knoblauchdip
mit viel Knoblauch frittierte Roggenbrotstäbchen mit Knoblauchdip

Von Tallinn nach Riga

Es geht wieder auf die Straße. Wir wollen ins Warme. Andererseits wollen wir auch nicht einfach durchs Land hetzten, also recherchiere ich vor dem Losfahren, was sich alles an Sehenswertem auf dem Weg bietet. Ich werde schnell fündig: ein kleines, privat betriebenes Automuseum namens Vanatehnika varjupaik liegt fast an unserer Strecke. Na ja, eigentlich liegt es nicht an der Strecke, aber Estland ist ja nicht besonders groß, da fällt der Umweg nicht ins Gewicht. Den Ort Järva-Jaani finden wir schnell, das Museum ebenfalls, nur beim Eingang tun wir uns schwer. Wir sehen die Autos und Motorräder im Garten, leider ist die Tür verschlossen, wir sehen nur die im Internet beschriebene Kasse und befürchten schon, dass das Museum geschlossen ist. Komisch, denn es hat ohnehin nur freitags, samstags und sonntags auf. Und die Uhrzeit stimmt auch. Wir stehen eine Weile frustriert vor dem Tor, da kommt ein Auto, ein Pärchen mit Kind steigt aus und geht auf das große Gebäude neben uns zu. Wir folgen ihnen und stellen fest: der Eingang dort ist offen. Wir hatten uns von unseren zuvor recherchierten Infos einengen lassen und wären fast wieder gefahren. Glück gehabt.

Das Museum ist wirklich liebevoll gemacht: Hunderte von Fahrzeugen aus den letzten hundert Jahren stehen im Hof, immer zu einem Thema gruppiert: alle Busse nebeneinander, alle Feuerwehrautos, alle Bullis. An den meisten Fahrzeugen hat der Zahn der Zeit bereits kräftig genagt, aber gerade dieser Verfall macht den Ort in unseren Augen so reizvoll. Wir schlendern lange durch den Garten und die angrenzenden Gebäude und können uns gar nicht satt sehen. Ein paar Motorradfotos schicken wir per WhatsApp an Freunde und sofort entspannt sich eine Diskussion, ob wir nicht einen der Roller in unserer Hosentasche verschwinden lassen können, die Restaurierung ist schon fast perfekt geplant. Wir strahlen vor uns hin, ohne die modernen Kommunikationsmittel würde uns echt etwas fehlen auf unserer Reise.

dekorative Reihe von Autowracks
privat betriebenes Automuseum in Estland

Die baltischen Länder sind klein, schon knapp eine Stunde nach dem Überqueren der Grenze sind wir in Riga. Die Grenze selbst war – wie immer – unproblematisch. Wir sahen ein Schild und ein Grenzhäuschen, wurden langsamer, und als sich niemand für uns interessierte, haben wir wieder Gas gegeben und schon waren wir in Lettland.

Riga – alte Häuser und Coronamasken

Selbst in der Hauptstadt Riga ist zu merken, dass Lettland ein Stück ärmer ist als Estland. Die Straßen außerhalb des Zentrums wirken heruntergekommen, es gibt viele leere Geschäfte und es liegt viel Abfall herum. Wir kommen im Regen an und haben keine Lust mehr, die Stadt zu erkunden, daher gehen wir nur kurz raus, um etwas zu essen. Am Bahnhof bemerken wir den Riesenunterschied zu Estland: alle Menschen tragen Mund-Nasen-Maske zum Schutz vor dem Coronavirus. Am Eingang zum Restaurant steht ein Mitarbeiter und sprüht Desinfektionsmittel auf unsere Hände, die Tische sind mit Plexiglasaufstellern voneinander getrennt. Hier wird das Thema offenbar viel ernster genommen als in Estland oder den skandinavischen Staaten.

Am nächsten Morgen laufen wir in die Stadt: frische Luft und Bewegung, das ist genau das Richtige für uns jetzt. Wie schon so oft suchen wir uns einen zentralen Platz und setzen uns in ein Café. Wir bestellen Kaffee und Kuchen, genießen die Sonne und saugen die Stimmung in uns auf. Aber irgendetwas fühlt sich komisch an. Wetter und Umgebung suggerieren uns, dass die Stimmung ausgelassen sein müsste, sie ist es aber nicht. Wir müssen schlucken. Kann es sein, dass wir nicht aufgepasst haben und mittlerweile im Zentrum des Corona-Geschehens befinden? Eine schnelle Recherche auf den Seiten des Auswärtigen Amts bestätigt unsere Befürchtungen. Wir müssten eigentlich in Quarantäne sein, das haben wir bei der Einreise aber übersehen. Verflixt.

Café in Riga
Café in Riga

Nun ja, es gibt gerade nicht viel, was wir tun können. Wir reisen ohnehin morgen ab und wir bewegen uns draußen, immer mit Abstand zu anderen Menschen. Wir beschließen daher, noch ein wenig durch die Stadt zu laufen, dann aber zügig wieder zum Hotel zurück zu kehren. Ein paar interessante Sehenswürdigkeiten von Riga haben wir zumindest gesehen: das Freiheitsdenkmal mit den patrouillierenden Soldaten davor, die drei Brüder (eine bekannte dreiteilige Häusergruppe aus dem Mittelalter) und das historische Schwarzhäupterhaus. Ebenso den allerersten Weihnachtsbaum (zumindest die Bronzereplik) und die Bremer Stadtmusikanten. Ja, für alle, die das nicht wussten: Riga ist eine Partnerstadt von Bremen. Und für alle, die noch nicht dort waren: es lohnt sich, Zeit mitzubringen.

Über die nächste Grenze: von Lettland nach Litauen

Wir reisen weiter. Kurz hinter Grenze nach Litauen erwartet uns ein besonderes Highlight: der Berg der Kreuze. Nun ja, eigentlich handelt es sich eher um einen Hügel. Eine schmale Treppe aus Holzbohlen führt über einen Doppelhügel, über den Zehntausende von Kreuzen in allen Formen und Farben, Materialien und Größen verteilt stehen. Der Berg der Kreuze ist ein Wallfahrtsort, der schon seit dem Mittelalter existiert. In neuerer Zeit stellte die litauische Bevölkerung Kreuze auf, um an die im Gulag Verschollenen zu erinnern, ebenso wie an andere Opfer des Kommunismus. Dem kommunistischen Regime war der Hügel natürlich ein Dorn im Auge, daher wurde er mehrmals mit Feuer und Bulldozern dem Erdboden gleich gemacht, die Kreuze wurden verbrannt oder verschrottet. Aber die Litauer stellten immer wieder neue Kreuze auf, so dass sich der Ort zunehmend zu einem politischen Symbol gegen die kommunistische Herrschaft der Sowjets in Litauen entwickelte. Und auch nach dem Ende des Sowjetreiches ist dieser Ort ein Mahnmal für Freiheit und gegen Kommunismus. Diesen Geist atmen wir ein, als wir die Holzbohlen entlang schlendern – und wir verneigen uns in Gedanken vor denjenigen, die den Mut hatten, dem Unrechtsregime zu trotzen.

Berg der Kreuze in Litauen
Berg der Kreuze in Litauen

Die nächsten zwei Nächte verbringen wir in Klaipeda an der Ostsee. Wir bummeln durch die Stadt, lassen uns im Hafen den Wind um die Nase wehen, bestaunen den Simon-Dach-Brunnen mit der Statue Ännchen von Tharaus (aus dem gleichnamigen Volkslied) und den schwarzen Mann zu Memel. Gerade diese Bronzefigur hat es mir angetan. Schaurig schön.

Klaipeda-Statue des schwarzen Mannes
Klaipeda: die Statue des schwarzen Mannes

Kurz vor der Grenze nach Polen finden wir noch einen geschichtsträchtigen Ort: Schirwindt. Hätten wir es nicht gewusst, wären wir vorbeigefahren. Nirgendwo findet sich ein Hinweis, erst als wir an der Brücke stehen, entdecken wir die Informationen. Ohne vorherige Recherche wäre uns der Ort entgangen. Und das wäre schade gewesen.

Kurdirkos Naumiestis und Schirwindt waren Zwillingsstädte, Schirwindt stand auf deutscher Seite, Kurdirkos Naumiestis auf litauischer. Beide trieben regen Handel und Schmuggel miteinander. Schirwindt ist aber die einzige Stadt in Europa, die nach dem 2. Weltkrieg nicht wiederaufgebaut wurde. Heute sieht man nur noch eine Brücke, die in der Mitte mit Stacheldraht unpassierbar gemacht wurde. Der Weg Richtung Kaliningrad ist versperrt.

Polen – irgendwie wird es nicht wärmer

Die Grenze nach Polen hätten wir um ein Haar übersehen, nur ein unscheinbares kleines Schild am Straßenrand weist uns darauf hin, dass wir Litauen verlassen haben. In Polen dürfen wir (aus Corona-Sicht) endlich bleiben. Aber es ist kalt und wir wollen in den Süden. Italien und Griechenland rufen. Also bleiben wir nicht lange. Wir schauen uns ein paar Städte an, Ausschwitz natürlich, aber Kälte und lange, gerade Straßen begeistern uns eher weniger.

Am Ende halten wir für uns fest: wir haben ein paar sehr schöne Ecken im Baltikum gefunden, aber wir haben diesem Landstrich sicher nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Es gäbe noch viel mehr zu entdecken. Aus Motorradfahrersicht war es allerdings eher langweilig und – wie schon gesagt: wir wollten in den Süden.

Hier wie so oft noch der Hinweis auf unsere Bildergalerie: wer mehr Fotos vom Baltikum sehen will als hier im Artikel abgebildet sind, stöbert in unserer Bildergalerie Baltikum.

2 Gedanken zu „Durchs Baltikum

  • 30. Dezember 2020 um 14:23
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    Sehr schöne Beschreibung des Baltikums. Heike und ich sind bei unserer Reise genau umgekehrt gefahren. Viel Bekanntes, aber auch Neues. Sollten wir nochmals hinfahren . Alles Gute im neuen Jahr. Dirk

    Antwort
    • 30. Dezember 2020 um 15:44
      Permalink

      Hallo Dirk,
      Danke schön!
      Ich hoffe, Deiner Familie geht es gut.
      Dein Kalender hat in Stenum auf jeden Fall zu Begeisterung geführt, Stichwort Urgroßelternsuchbild. 🙂
      Ebenfalls einen guten Rutsch und bleibt gesund!!
      Liebe Grüße
      Daniela & Wolfgang

      Antwort

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