Stürmisches Wetter auf den Lofoten

Mittlerweile haben wir Ende August und es ist schon ziemlich kalt in Norwegen. Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Wir starten mit unseren Motorrädern regelmäßig bei knapp 10 Grad am Morgen und freuen uns immer schon darauf, bald wieder eine passende Tankstelle für unsere „Kaffeeavtale“ zu finden, unsere Kaffeeflatrate. Cappuccino zum Aufwärmen für den Körper. Die Seele braucht kein Aufwärmen, Norwegens tolle Landschaft, speziell auf den Lofoten, reicht da völlig.

Unsere Motorradausrüstung ist gut, aber wir finden durchaus Optimierungspotential. Wir tragen bei diesem Wetter in dieser Reihenfolge:

  • Unterwäsche plus Wollunterwäsche
  • Fleecejacke
  • Daunenjacke
  • Klim Motorradkombi
  • Sturmhaube und Buff (zumindest Daniela)
  • Regenkombi, auch wenn es nicht regnet.

Wir sehen dann aus wie Michelin-Männchen und bewegen uns auch so. Aber immerhin frieren wir nicht. Allerdings fluchen wir, wenn wir tagsüber mal auf die Toilette müssen, dann geht der Spaß mit Aus- und Anziehen von vorne los. Was tut man nicht alles dafür, Motorradfahren zu dürfen.

Kjellingstraumen-Abendstimmung
Kjellingstraumen-Abendstimmung. Schön, aber kalt.

Der Polarkreis macht seinem Namen alle Ehre

Am 27. August überqueren wir den Polarkreis. Er macht seinem Namen alle Ehre, denn es ist saukalt. Polarkreise nennt man die Breitenkreise auf 66° 33′ nördlicher und südlicher Breite, auf denen die Sonne an den Tagen der Sonnenwende gerade nicht mehr auf- bzw. untergeht. Schon auf den Kilometern vorher merken wir, dass sich die Landschaft verändert: die Vegetation wird weniger, der Wind pfeift uns um die Ohren.

Dann taucht das Besucherzentrum auf (engl. Arctic Circle Center, norw. Polarsirkelsenteret). Dieses UFO-ähnliche Gebäude beinhaltet eine Touristeninformation, ein Kino, einen Souvenirshop und ein Restaurant. Kino und Restaurant haben die Saison schon beendet, daher müssen wir uns damit begnügen, die Speisekarte zu studieren: Rentier-Burger, Rentier-Wrap und Rentier-Geschnetzeltes entgehen uns. Vielleicht gar nicht so schlimm. Wir laufen noch ein bisschen herum, schauen uns die verschiedenen Kunstobjekte an und machen uns wieder auf den Weg. Ich will eine bestimmte Toilette sehen.

Arctic circle center
Arctic circle center am Polarkreis

Die Toilette vom Ureddplassen

Äh, wie bitte? Eine Toilette? Und dafür auch noch Umwege in Kauf nehmen?

Ja. Unbedingt. Und hier ist mein WARUM: Wenn ich recherchiere, welche Route wir durch ein Land nehmen wollen und was wir sehen wollen, dann gehe ich folgendermaßen vor: Ich lese möglichst viele Berichte und merke mir, was andere Menschen, nicht nur Motorradfahrer, gut fanden. Auch Reiseführer und andere Bücher (auch Trivialliteratur) über das Land helfen beim Reindenken.

Und ich besuche atlasobscura.com. Hier werden witzige oder skurrile Orte eines Reiselandes vorgestellt. Manchmal sind die Listen nicht anders als in den üblichen Reiseführern. Manchmal aber haben wir Glück und finden kleine Perlen. So sind wir beispielsweise auf das Darth-Vader-Denkmal gestoßen, als wir Odessa besuchten. Und hier in Norwegen wurde ein wirklich kunstvoll designtes Toilettenhäuschen vorgestellt, das ich sowohl sehen als auch bei Einbruch der Dunkelheit fotografieren will. Bei google finden sich Fotos des von innen beleuchteten Häuschens, die mir super gefallen. Und weil die Route nicht kompatibel war mit dem Arctic Circle Center, fahren wir heute halt Umwege. Diese verbessern ja ohnehin die Ortskenntnis.

All diese recherchierten Orte, die wir besuchen könnten, werden in google maps markiert. Am Ende ist die Landkarte dort mit Markierungen übersät. Daraus ergibt sich oft eine Route. Wir besuchen nicht alles, was markiert ist, aber wir haben schon mal einen groben Plan.

Das Toilettenhäuschen erweist sich als wirklich schön. Schon von weitem können wir das wellenförmige Dach sehen, welches geht nahtlos in die Terrasse übergeht. Von den Marmorbänken hat man einen schönen Blick über den Fjord. Das Kunstwerk ist beeindruckend, allerdings ist es die erste wirklich dreckige Toilette, die ich in Norwegen sehe. Bis hier war ich immer von der Sauberkeit aller sanitären Einrichtungen überrascht. Hier nicht mehr. Und ein Dämmerungsbild gibt es leider auch nicht, weil wir wegen der Kälte von Zelt auf Hütte umgestiegen sind und der einzige Campingplatz in der Nähe des Ureddplassen seine Saison schon beendet hat. Wir fahren noch mal 50 Kilometer zurück zum nächsten Platz, der zum Glück sowohl offen als auch wirklich schön ist.

Na ja, ein halber Erfolg. Immerhin habe ich eine hübsche Anekdote, dass ich für eine Toilette schon mal einen Umweg von über hundert Kilometern in Kauf nehme. 😊

Toilettenhäuschen Ureddplassen
Toilettenhäuschen Ureddplassen

Alte Bekannte

Endlich haben wir es mal geschafft, ein paar alten Bekannte wiederzutreffen: Barbara und Robert von Ride2seetheworld.

Wir haben uns 2017 auf dem Motorradreiseworkshop in Bönen kennengelernt, als wir uns alle noch in der Vorbereitung unserer großen Reise befanden. Auch nach dem workshop haben wir uns immer mal wieder per WhatsApp über Reisethemen ausgetauscht, und auf dem Meeting von Horizons Unlimited Switzerland haben wir uns 2018 erneut getroffen. Seit Reisebeginn haben wir uns dann dauernd verfehlt. Und das, obwohl wir – zumindest bis in die Mongolei – grob dieselbe Reiseroute hatten. Umso schöner, dass wir endlich wieder ein Treffen hingekriegt haben.

Da mal wieder Dauerregen angekündigt war, mieten wir für ein paar Tage zusammen ein Häuschen und genießen es, gemeinsam die Lofoten zu erkunden, zu kochen und Reiseanekdoten auszutauschen.

Der angekündigte Regen erweist sich zum Glück eher als Kaltfront mit viel Wind, aber wenig Regen, so dass wir doch fast jeden Tag unterwegs sind. Zum Glück, denn die Lofoten sind einfach nur wunderschön.

Vier-Reisende
Wir mit Barbara und Robert

Zauberhafte Inselwelt der Lofoten

Schon als wir ankommen, sind wir von der Ruhe, den majestätischen Bergen und den malerischen Fischerdörfern beeindruckt. Je mehr wir sehen, desto begeisterter sind wir. Hinter jeder Kurve erscheint ein neues Fotomotiv. Und so bleiben wir entsprechend oft stehen, um wieder einen Anblick zu genießen oder um Fotos zu schießen. Besonders die Robuer haben es mir angetan: Ein Rorbu ist eine traditionelle Fischerhütte, die man auf den Lofoten überall am Wasser sieht. Ursprünglich nur saisonal zum Dorschfischen benutzt, sind viele Rorbuer heute vermietete Unterkünfte. Die Holzhütten mit der ursprünglichen billigen roten Tranfarbe sind auch wirklich malerisch.

Lofoten-Robuer-Hamnoy
Robuer in Hamnoy

Gänsehautfeeling am Straßenrand. Orcas in freier Wildbahn.

Wir sind Richtung Süden auf den Lofoten unterwegs. Wolfgang fährt voraus, Robert und Barbara dahinter. Ich bilde das Schlusslicht. Plötzlich fällt uns eine Menschentraube am Straßenrand auf. Wir können das erst gar nicht einordnen. Viele haben Kameras vorm Gesicht, es scheint irgendetwas Interessantes zu geben: Wir halten an, stellen die Motorräder einfach am Straßenrand ab und gehen gucken. Und was wir sehen, treibt uns eine Gänsehaut über den ganzen Körper: Vier Orcas schwimmen einfach so in der Bucht herum. Tauchen auf und wieder ab. Spielen mit den Bojen. Schwimmen hin und her. Manchmal weiter weg und einmal schwimmen sie direkt an uns vorbei. Wir sind absolut sprachlos. Ich hatte nicht damit gerechnet, hier Orcas zu sehen, dann auch noch in freier Wildbahn. Einfach so, direkt neben der Straße.

Wir haben den Mund nicht mehr zugekriegt. Es war so schön!

Lofoten-Orcas
Orcas auf den Lofoten

Einige der bekanntesten Postkartenmotive der Lofoten: Reine und A

Später halten wir im Fischerdorf Reine. Neben Fischfang lebt der Ort davon, dass er einer der malerischsten Fischerdörfer der Lofoten ist. Schon beim Abbiegen von der großen Straße Richtung Ortskern liegt der erste Parkplatz mit Panoramablick über Bucht, Robuer und die dahinterliegenden Berge. Wir bleiben stehen und können uns gar nicht satt sehen. Später trinken wir in Ort Kaffee und stärken uns, bevor wir uns den Hafen mit den Fischerhütten und kleinen Booten ansehen. Der ursprüngliche Plan, den Berg hinaufzusteigen und alles von oben zu sehen, wird durch Regenschauer und Kälte zunichte gemacht. Die Schönheit der Lofoten ist aber auch auf Meereshöhe schon gigantisch.

Lofoten-Robuer-Reine-Hafen
Robuer im Hafen von Reine

Wir fahren weiter bis zur Südspitze der Lofoten. A ist vor allem bekannt dafür, die Ortschaft mit dem kürzesten Namen Norwegens zu sein. Ironischerweise ist sie eine Städtepartnerschaft mit Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogoch in Wales eingegangen. Kein Witz. 58 zu 1 für die Waliser. Norwegischer (und walisischer) Humor.

Der Ort selbst ist recht unspektakulär. Es gibt einen riesigen Parkplatz, der eindeutig sagt: bleibt aus dem Ortskern raus. Wir parken, laufen ein Stückchen am Steilufer entlang, aber am Ende freuen wir uns darauf, wieder nach Hause ins Warme zu kommen.

Ortsschild-A
Ortsschild A

Und wieder geht es auf den Motorrädern Richtung Norden

Nach ein paar Tagen auf den Lofoten brechen wir wieder Richtung Norden auf. Es ist mittlerweile ziemlich kalt tagsüber und wir wollen ja noch bis zum Nordkap hoch, bevor die Tagestemperatur dauerhaft unter zehn Grad fällt.

Da der Weg nach Tromsö von unserem Häuschen auf den Lofoten aus als Tagesetappe zu weit ist, planen wir noch eine Zwischenübernachtung ein. Der Ort sieht auf der Karte eher langweilig aus, das Hotel bei booking.com ebenfalls. Wir erwarten daher nicht viel. Um so überraschter sind wir, als wir ankommen: das Hotel (easyhotels.no) steht direkt am Wasser. Und der Ofotfjord ist vielleicht unbekannt, aber wunderschön. Wir bringen die Formalitäten im Hotel schnell hinter uns und können es gar nicht erwarten, ans Wasser zu kommen. Mit einer Packung Mandelkekse bewaffnet finden wir eine Bank mit Fjordblick und genießen den Ausblick. Obwohl das Hotel an der Straße liegt, ist es ruhig. Wir hören die Möwen kreischen und die Enten schnattern. Mit leckeren Keksen im Bauch können wir stundenlang einfach nur dasitzen und beobachten, wie sich die Wolken auf der gegenüberliegenden Fjordseite langsam von links nach rechts schieben. Ein paar Boote liegen dekorativ im Wasser. Wir spazieren ein Stück den Strand entlang und ich mache Fotos. Norwegen ist zwar voll von Postkartenmotiven, aber dieses unscheinbare Hotel bietet uns gleich eine neue Ladung schöner Motive.

Ofotfjord
Abendstimmung am Ofotfjord

So, und nachdem ich drei Artikel lang immer geschrieben habe, dass wir Richtung Norden und zum Nordkap fahren, darf ich es jetzt zum letzten Mal schreiben: im nächsten Artikel kommen wir dann auch wirklich am Nordkap an. Es wird toll. Versprochen!

Und wie immer: wer Lust auf mehr Fotos hat, dem lege ich unsere Bildergalerie Norwegen ans Herz. Viel Spaß beim Stöbern.

Und falls jemand einen Teil unserer Norwegenserie verpasst hat, hier noch mal die Links:

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