Schreck in der Morgenstunde – eine Anekdote aus der Mongolei

Von Ölgii aus brechen wir auf in Richtung Ulan Batar. Der Einfluss der Chinesen in unübersehbar: Die Straße ist schwarz, schnurgerade und ein bisschen langweilig. Sogar die Seitenränder sind ordentlich befestigt. Im Zuge des Projekts „Neue Seidenstraße“ bauen die Chinesen wie wild in allen angrenzenden Ländern, um ihrem Warentransport die besten Möglichkeiten zu bieten und im Gegenzug die entsprechenden Staaten an sich zu binden. Sobald wir die große Straße verlassen, gibt es nur noch Sand- und Schotterpisten. Und diese fordern unsere ganze Aufmerksamkeit und unser Können. Wir mochten Sandpisten auf dem Pamir schon nicht, in der Mongolei sind die Straßen noch schlimmer.
Einmal kämpfen wir uns derart durch tiefen Sand, dass wir über Stunden aus dem ersten Gang kaum heraus kommen. Dabei werden wir immer wieder von Einheimischen auf kleinen russischen Maschinen überholt, die uns verdutzt ansehen und sich vermutlich fragen, weswegen wir uns so quälen. Wir verfluchen mal wieder unser schweres Gepäck. Ein paar Mal probieren wir, neben der ausgefahrenen Straße zu fahren, aber die Steppe ist derart dicht mit kleinen, stacheligen Sträuchern bedeckt, dass wir kaum schneller werden. Auch wollen wir keinen Platten riskieren, daher kehren wir immer wieder in den Sand zurück.
Als es Abend wird, sind wir meilenweit von jeglicher Zivilisation entfernt, wir haben an diesem Tag nur wenige Kilometer hinter uns gebracht. Zum Glück können wir unser Zelt überall aufstellen, wir biegen bloß ins Feld neben uns ein, entfernen uns von der Straße und fallen erst mal erschöpft auf den Boden. Viel Zeit bleibt uns nicht, es ist schon fast dunkel, daher beeilen wir uns, das Zelt aufzubauen und etwas zu essen: mal wieder schnelle Instant-Ramen-Nudeln: Salzige Kohlehydrate, genau das, was wir brauchen, bevor wir todmüde in den Schlafsack kriechen.

Vorsicht mit den Wünschen, sie könnten sich erfüllen

Am nächsten Morgen werde ich von Wolfgangs Rufen geweckt: Ich krabble aus dem Zelt und sehe gerade noch, wie sich eine Herde Kamele vom Zelt entfernt. Oh Mann, wie ärgerlich. Die Kamele sind direkt an unserem Zelt vorbei spaziert und ich habe es verschlafen. Es ist beeindruckend, wie geräuschlos sich eine ganze Kamelherde durch die Steppe bewegen kann. Wir frühstücken und halten Ausschau, vielleicht haben wir ja Glück und es kommt eine weitere Herde. Aber wie das so ist mit dem Wünschen: Lieber aufpassen, der Wunsch könnte in Erfüllung gehen.

Als wir anfangen, unsere Sachen zusammenzupacken, nähert sich eine Kuhherde. Hätten wir uns hinter unserem Zelt verborgen, wäre sie vermutlich wie die Kamelherde vorbeigetrabt. Aber nein, unser knallrotes Zelt flattert im Wind – wir stehen daneben und knipsen. Das erregt die Aufmerksamkeit der Tiere. Sie stoppen und schauen in unsere Richtung. Zwanzig Meter von uns entfernt. Mir fällt der schwarze Leitbulle auf, und mir wird mulmig. Ich will Wolfgang eben vorschlagen, aus dem Blickfeld der Tiere zu verschwinden, als diese wie auf einen Befehl hin auf uns losrasen.

Kuhherde
Auf einmal rennen alle auf uns zu

Mir wird heiß und kalt. Alles passiert so schnell, dass keiner von uns zu einer Reaktion fähig ist. Nur ein paar Meter vor uns dreht die Herde ab und donnert an uns vorbei. Puh. Ich bin wie versteinert, meine Haut kribbelt, und ich bringe kein Wort heraus. Wolfgang geht es ähnlich. Es ist aber noch nicht vorbei. Ein paar Meter hinter dem Zelt bleibt die Herde stehen, der schwarze Leitbulle dreht sich demonstrativ um und schaut uns an. Wir halten dem Blick stand, bis uns einfällt, dass dies vermutlich keine passende Reaktion ist. Und wer von uns kam eigentlich auf die Idee mit dem roten Zelt? Widerstrebend kehren wir der Herde den Rücken zu und beschäftigen uns mit irgendetwas anderem. Diese Strategie wirkt, und nach einiger Zeit trottet die Herde weiter.

Wir setzen uns erst mal wieder hin und atmen tief durch. Was für ein Morgen. Kaffee zum Wachwerden brauchen wir heute nicht.

Bulle
Der Leitbulle schaut finster

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