Schotterpisten – und der Abschied von Argentinien

Nach den beiden absoluten Highlights, dem Perito-Moreno-Gletscher und dem cerro chaltén, geht es stetig bergab. Und das nicht nur im landschaftlichen Sinne:
Wir haben die beiden Schotterabschnitte der ruta cuarenta vor uns.

Schotter, die Erste …

Südamerikanischer Schotter. Wir hassen ihn. Das ist nicht der feste, lehmige Untergrund, auf dem man entspannt fährt. Nein, es ist tiefer, runder, glitschiger Murmelkies, der das Motorrad tanzen lässt und bei mir Schweißausbrüche hervorruft. Und die Erinnerung an die vereiste Straße in Griechenland, auf der ich zunächst schmerzhaft auf der Straße und dann mit gebrochenem Knöchel im Krankenhaus landete (darüber habe ich hier berichtet).

Echt schade. Ohne diese Einschränkung würde uns Argentinien wirklich gefallen. Wir lesen von befreundeten Bikern, dass für sie die Schilder „fin de pavimento“ (Ende der Asphaltstrecke) besonderen Spaß bedeuten. Leider nicht für uns. Aber die beiden Schotterstrecken bis Mendoza werden wohl zu schaffen sein. Tja. Wir werden noch fluchen …

Zwischen Tres Lagos und Gobernador Gregores befinden sich ca. 70 Kilometer ohne Asphalt. Wir treffen in El Chaitén zwei Biker, deren Berichte mir schon Magengrummeln verursachen: Einer der beiden ist auf genau dieser Schotterpiste zwei Mal gestürzt und zeigt uns die Schrammen an Lenker und Tank sowie den abgebrochenen Bremshebel. Puh. Das Magengrummeln verstärkt sich. Wolfgang findet online bei iOverlander eine vermeintliche Alternativroute.

Wir starten optimistisch, bis sich herausstellt, dass diese Info falsch ist. Wir geraten in groben Kies, komplett ohne Fahrspuren und halten nach nicht einmal einem Kilometer an. Wenn wir nur wüssten, ob das so weitergeht? Glücklicherweise kommt uns ein Auto entgegen, ich winke und frage, wie lange der Straßenbelag so sei wie hier. „Mindestens 100 Kilometer“, lautet die entmutigende Antwort. Also drehen wir um und versuchen unser Glück auf der Originalstrecke.

Gleich zu Beginn der Schotterstrecke sehen wir einen Polizeiwagen am Straßenrand, der ein gestürztes Motorrad auflädt. Kein gutes Omen. Wir befragen die herumstehenden Biker und bekommen nicht gerade ermutigende Antworten. Aber die Strecke ist alternativlos, also fahren wir weiter. Am Ende lassen sich die 75 Kilometer gar nicht so schlecht fahren. Die meiste Zeit konnte man gut in vorhandenen Spuren fahren, nur die Windböen machen das Fahren anstrengend. Mit ungefähr 50 bis 60 Stundenkilometern bringen wir den Abschnitt in weniger als zwei Stunden hinter uns.

Schotter
Könnte so schön sein, müsste ich mich nicht so auf den Untergrund konzentrieren…

Der patagonische Teil der ruta cuarenta

Es geht weiter auf der RN40, quer durch Patagonien. Der Asphalt ist glatt, es herrscht wenig Verkehr und wir können weit schauen. Hier ist nichts. Kaum Häuser. Nur Landschaft. Abwechselnd grün und hellbraun. Steppe bis zum Horizont, gelegentlich ein paar Büsche oder Hügel. Und Guanakos am Straßenrand, die uns entsetzt anschauen und dann über die Zäune fliehen.

Ja, das ist auffallend: Obwohl wir das Gefühl haben, mitten im Nirgendwo unterwegs zu sein, sind sämtliche Felder eingezäunt. Wie schon im Süden von Chile gibt es keinen Flecken, der nicht „Raus hier“ ausstrahlt. Wir überlegen, ob sich das gegen die Ureinwohner, die Mapuche, richtet, gegen Wohnmobilreisende oder einfach dem Schutz der Tiere hinter dem Zaun dient.
Den Guanakos vor dem Zaun dient es auf jeden Fall nicht. Wir sehen immer wieder Kadaver von Tieren, die den Sprung über den Zaun nicht geschafft haben.

Strassenschild
Vor Guanacos wird gewarnt
Guanakos am Straßenrand
Guanakos am Straßenrand

Auf der Suche nach Bargeld

Die kleinen Orte entlang der patagonischen ruta cuarenta sind eher unspektakulär. Gobernador Gregores, der erste Ort hinter Schotterteil eins, hat zumindest eine hübsche, mit Bäumen flankierte Hauptstraße, aber ansonsten nicht viel zu bieten. Vor allem kein Geld. Wir versuchen es beim Postamt, das mit einem großen Western-Union-Schild Werbung macht. Fehlanzeige: Der Beamte lacht und sagt „Sorry, ich habe kein Bargeld. Versucht es bei der Panaderia.“ Aber auch bei der Bäckerei gibt es nicht genug Scheine. Kartenzahlung geht auch nicht, daher überschlagen wir die Ausgaben der nächsten Tage, verkneifen uns die Süßigkeiten und machen uns auf den Weg. Die nächste Unterkunft wird über AirBnB gebucht, da dort immer direkt von der Kreditkarte abgebucht wird. Gut, dass wir nicht erst auf den letzten Drücker versuchen, frisches Geld zu organisieren.

Postamt
Postamt mit Western Union

Tankstellen sind Sammelstellen im Nirgendwo

Tankstellen sind im Süden Argentiniens rar gesät, selbst an der ruta cuarenta. Wir tanken noch in Gobernador Gregores und können zum Glück mit Karte zahlen. Aber schon 200 Kilometer weiter, an der nächsten Tankstelle, heißt es wieder „sólo en efectivo“, nur Bargeld. Wir bleiben trotzdem bei unserem Plan, an jeder Tankstelle zu tanken. Keine Lust auf Überraschungen wie geschlossene Rastplätze oder leere Kraftstofftanks. Außerdem sind die meisten Tankstellen sehenswert: Die kleinen Zapfsäulen sind mit Aufklebern übersät. In den Verkaufsräumen gibt es alles: Dinge des täglichen Bedarfs wie Kekse oder Toilettenpapier, Kaffee und Empanadas – und jede Menge andere Reisende. Autos, Motorräder, Fahrräder, alles dabei. Wir genießen dieses bunte Durcheinander – und natürlich den Kaffee.

Cafe
Verkaufsraum einer Tankstelle
Tanksäule
Mit Aufklebern übersäte Tanksäule im Nirgendwo

Hier gehen die Uhren anders

In der Kleinstadt Chos Malal warten wir fast eineinhalb Stunden darauf, tanken zu können. Ein Tanklaster befüllt gerade die Tankstelle, drei von vier Zapfreihen sind gesperrt. Und die Argentinier sind nicht gerade ALDI-Kassierer. Wie in Chile gibt es auch hier Tankwarte, und die haben eine Engelsgeduld. Sie plaudern mit allen Kunden, auch wenn der Tank längst voll und die Rechnung bereits beglichen ist. Die Wartenden in der Schlange haben ebenfalls Geduld. Nur alle paar Minuten geht es ein paar Meter vorwärts. Wir haben schnell einen Rhythmus für uns gefunden: Vorrollen. Gang einlegen. Absteigen. Und unter einem Baum darauf warten, dass es weitergeht. Die Mittagssonne brennt unerbittlich. Mitleidige Blicke aus den Autos heraus verfolgen uns jedes Mal, wenn es weitergeht. Dafür werden wir von einer Frau im Van neben uns mit frischem Kuchen versorgt. Wir radebrechen uns so durch das spanische Gespräch. Der Alternative zur nächsten Schotterstrecke, die sie uns beschreibt, trauen wir aber nicht so recht. Unsere Recherchen haben uns ein anderes Bild von den Nebenstraßen vermittelt.

TAnkwagen an einer Tankstelle
Langwieriges Tanken in Chos Malal

Mixed Feelings in Bariloche

Unser nächster längerer Halt ist in San Carlos de Bariloche, einem typisch argentinischen Ferienort. Viele Hotels. Souvenirläden. Und auffällig viele Schokoladen-Manufakturen. Schnell finden wir heraus, dass hier zahlreiche schweizstämmige Argentinier leben, die ihre Schoko-Leidenschaft mitgebracht haben.

Wir mögen keine Empanadas vom Straßenrand mehr, ebenso wenig wie fast food. Mexikanisches Essen, das wäre was. Und Corona – mexikanisches Bier. Und da sind wir hier in dieser Touristenhochburg total richtig. Wir finden ein passendes Restaurant und bestellen die große Platte mit allem. Variedad de comida mexicana. Nachos. Tacos. Quesadillas. Wir schlemmen uns durch die Köstlichkeiten und aller Stress und Staub der Straßen sind vergessen.

Wandmalerei in Bariloche
Wandmalerei in Bariloche

Später schlendern wir durch die Gassen und bestaunen die vielen Wandmalereien. Es findet sich aber auch Bedrückendes: Auf dem Boden des Marktplatzes finden sich Dutzende Bilder weißer Kopftücher, jeweils mit Namen versehen, manchmal auch mit einem Datum. Diese weißen Kopftücher der „Madres de Plaza de Mayo“ gelten als Zeichen jener Mütter und Großmütter, die noch immer ihre Kinder und Enkelkinder suchen. Die argentinische Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 verschleppte und verkaufte viele Kinder – jahrelang. Erst langsam werden die Verantwortlichen vor Gericht gestellt.

Marktplatz mit Malerei
Erinnerung an verschleppte Kinder

Alltägliches und Besonderes an der ruta 40

Es geht weiter auf der ruta cuarenta. Wir haben Patagonien mittlerweile hinter uns gelassen. Die Landschaft hat sich verändert: mehr Ortschaften mehr Verkehr, mehr Tankstellen. Aber auch mehr goldene Sterne auf dem Asphalt, die an Verkehrstote erinnern und zur Vorsicht mahnen.
Je weiter wir gen Norden kommen, desto grüner und feuchter wird es. Bald werden wir die Weinanbaugebiete erreicht haben.

Verkehrstote
Verkehrstote

Schotter, die Zweite …

In Buta Ranquil übernachten wir ein letztes Mal vor Schotterstrecke zwei. Wahnsinn, wie sehr Bammel vor dem Straßenbelag unsere Reiseroute beeinflusst.
Wir tanken noch mal, bummeln über den staubigen Schotter des Ortes und kaufen Reiseproviant im lokalen Supermarkt: Wasser, Kekse, Nüsse. Und staunen über das Gemüseangebot, das ich zum Glück nicht kaufen muss. Puh, sind wir verwöhnt. In Südamerika sollte man Obst und Gemüse lieber auf dem Markt und nicht im Supermarkt kaufen.

Auberginen
Auberginen im Supermarkt

Am nächsten Morgen geht es los: 100 Kilometer Schotter. Murmelkies. Streckenweise Wellblech. Es ist wirklich übel. Es sind kaum Spurrillen vorhanden, in denen normalerweise etwas weniger lockerer Kies liegt, im Gegenteil: viele Baustellen scheinen besonders verschwenderisch mit frischem Schotter gewesen zu sein. Mein Magen verkrampft sich die ganze Zeit und ich denke immer nur: „Es ist nicht schlimm zu stürzen, ich muss nur meine Füße auf den Fußrasten halten, dann passiert nichts!“ Und ich frage mich mal wieder, wieso wir uns so etwas antun.

Aber auch die unangenehmste Strecke ist irgendwann vorbei. Und wir haben sie überstanden. Fluchend und schwitzend, aber immerhin. Und mit der festen Absicht. NIE NIE wieder im Leben mit dem Motorrad Schotter fahren zu müssen.

Na ja. Mal abwarten, was das Leben noch so bereit hält. Vornehmen kann man es sich ja mal.

Schotter
Schotter

Hagel und nasse Füße in Mendoza

Wir erreichen Mendoza. Mittlerweile fühlt sich die Umgebung eher tropisch an: Es ist sonnig und schwül-warm. Kein Wunder, dass sich hier das bekannteste das bekannte Weinanbaugebiet Argentiniens befindet. Wir testen natürlich. Und siehe da, der Malbec kann locker mit französischen oder italienischen Rotweinen mithalten. Selbst der irish pub, den wir aufgrund seiner ordentlichen Speisekarte mehrmals besuchen, bietet vorzüglichen Wein.

In Mendoza stehen auch wieder die üblichen Grenzformalitäten an: PCR-Test, und diverse Formulare. Dass wir durch unsere Boosterimpfung in Chile im Januar noch einen aktuellen „Paso de movilidad“ (den Mobilitätspass) haben, macht es einfacher. Trotzdem laufen wir am letzten Nachmittag los zu einer kleinen privaten Klinik, die den Test schnell und professionell erledigt.

Auf dem Rückweg machen wir Halt an einem Hotel in der Nähe unseres Apartments, weil wir uns die Bar auf der Dachterrasse anschauen wollen. Und tatsächlich ist der Blick auf die Anden wunderschön. Wir bestellen Kaffee und genießen den Blick. Irgendwann fallen uns die schwarzen Wolken auf, die beunruhigend schnell näher kommen. Wir entscheiden uns, den Schauer abzuwarten.

Puh, genau die richtige Entscheidung, denn nur Minuten später geht ein heftiger Hagelschauer über Mendoza nieder. Sämtliche Gäste der Bar stehen fasziniert an den Scheiben und schauen aus: Die komplette Dachterrasse ist mit weißen Eiskugeln übersät.

Hagelschauer
Hagelschauer

Nachdem sich der Himmel aufgeklart hat, verlassen wir die Bar, um die wenigen Schritte draußen zurück nach Hause zu laufen. Aber das ist gar nicht so einfach: Auch die Straße unten wurde vom Hagel stark in Mitleidenschaft gezogen: Der ganze Boden ist grün-weiß gesprenkelt, eine Mischung aus Hagelkörnern und Blättern, die von den Bäumen geschlagen wurden. Dazu kann die Kanalisation die Menge an Niederschlag nicht aufnehmen, die Fahrbahnen stehen unter Wasser.

Wir bleiben an einer Kreuzung stehen und betrachten fasziniert die Wassermassen, die von den Autos und Bussen aufgewühlt werden. Und wir überlegen, wie wir trockenen Fusses das Apartment erreichen können. Es ist aber aussichtslos. Als wir genug haben vom Schauen, machen wir uns auf den Nachhauseweg und nehmen die nassen Füße in Kauf.

Überschwemmung
Überschwemmung in Mendoza

Der Grenzübergang zurück nach Chile

Und mal wieder unterschätzen wir, wie lange südamerikanische Grenzformalitäten dauern. Blöderweise haben wir uns auch nicht gut informiert – und so stehen wir hier an einem Freitag – und Montag ist Feiertag in Argentinien. Grund genug für hunderte von Fahrzeugen, sich in die Schlange einzureihen. Wir brauchen ziemlich genau sechs Stunden (beide Seiten zusammen) und dann kämpfen wir uns im Dunklen eine von Schlaglöchern übersäte und schlecht beleuchtete Serpentinenstraße runter. Zwischen Dutzenden von LKWs, die alle irgendwie schneller sein wollten als wir. Irgendwann reißt der Gegenverkehr ab, Wolfgang setzt zum Überholen an und ich hänge mich dran. Muss mehr als einmal schwer schlucken, aber schließlich haben wir den Langsamsten vor uns überholt und es wird entspannter. 70 Kilometer bis zum gebuchten Hotel können ganz schön lang sein. Am Ende haben wir auch das geschafft und sinken völlig ausgepowert ins Bett. Chile hat uns wieder.

Autoschlange an der Grenze
Autoschlange an der Grenze nach Chile

Was bleibt …

Argentinien hat uns nicht sonderlich begeistert. Das lag bestimmt nicht an den Menschen, die allesamt sehr freundlich waren. Auch nicht an der Landschaft, wir haben ein paar wunderschöne Ecken gesehen. Woran lag es dann?

Zunächst sind wir nach einer außergewöhnlichen Antarktisreise nach Argentinien gefahren. Im Vergleich konnte das Land nur verlieren.
Wir waren auch schon reisemüde. Der Plan war, entspannt ein paar schöne Orte zu sehen und dann nach Europa zurückzukehren. Argentinien ist für Entspannung aber nicht gemacht. Die Grenzen sind chaotisch, die Straßen leider für uns ebenfalls.

Wären wir zu Beginn unserer Weltreise 2019 nach Südamerika gereist, hätte alles anders sein können. Dieser Gedanke lässt mich ein wenig melancholisch zurückblicken. Vermutlich tun wir dem Land unrecht. Aber Reiseerlebnisse sind nun mal subjektiv …

Und wie geht es jetzt weiter?

Viel bleibt nicht zu erzählen. Wir bleiben ein paar Tage in Vina del Mar, treffen noch Reisebekannte, beobachten Pelikane, essen Ceviche und bringen mit Hilfe von Ronny unsere Motorräder zum Hafen. Ach ja, einen Empanada-Kochkurs hatte ich auch noch.

Und dann geht es zurück nach Europa.

Hafen
Abgabe der Bikes im Hafen
Empanada
Empanada-Kochkurs

Wer Teil 1 über Argentinien verpasst hat, wird hier fündig.

Und wer Lust auf mehr Fotos hat, findet sie in unserer Fotogalerie Argentinien. Viel Spaß beim Stöbern!

2 Gedanken zu „Schotterpisten – und der Abschied von Argentinien

  • Vielen Dank für Euren Bericht aus Argentinien, das hat gleich wieder die Erinnerung an unsere letzte Reise vor Corona aktiviert.
    Und: Wie bin ich froh, dass wir auf den Schotterstraßen mit dem Auto unterwegs waren und die meisten Grenzkontrollen durch Flüge übersprungen haben
    LG Eike

    Antwort
    • Hallo Eike,
      Ja, die Vorstellung, noch mehr Grenzen in Südamerika durchqueren zu müssen, hat uns gar nicht gefallen.
      Vielleicht werden wir langsam alt.
      Auf jeden Fall haben wir gemerkt, wie gut es uns in Europa mit Schengen geht, zumindest was die Grenzübergänge betrifft.
      LG
      Daniela

      Antwort

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