50 shades of türkis

Wir liegen auf dem Bett, die Nase dicht vor der Fensterscheibe, und blicken in den Regen. Selten hat uns ein Schlecht-Wetter-Anblick so gefallen. Der See vor unserer „tiny cabin“ ist auch bei diesem Wetter noch leuchtend türkis. Wir können uns mal wieder nicht sattsehen. Der Lago General Carrera gehört eindeutig zu den schönsten Flecken der Welt.

Der Weg zum See

Noch vor ein paar Tagen waren wir so frustriert, dass wir beinahe umgedreht und zurückgefahren wären. Wir sind auf unserer Reise und davor schon viele Tausende Kilometer Schotterstraße gefahren und haben oft genug geflucht, aber die Carretera Austral bringt mich an meine Grenzen. Die meiste Zeit sind die nicht-asphaltierten Abschnitte problemlos zu fahren, aber sobald es Bauarbeiten gibt, wird es echt schwierig. Und es gibt viele Baustellen bzw. frisch ausgebesserte Abschnitte. Gearbeitet wird hier eher mit grobem Kies als mit feinem Schotter. Solange keine anderen Verkehrsteilnehmer in Sicht sind, geht es halbwegs und ich kann mir meine Spur aussuchen. Aber mit unserem vorsichtigen Tempo 50 werden wir dauernd überholt und müssen dann in den tiefen Schotter ausweichen. Ebenso bei Gegenverkehr. Zudem sind wir durch die massive Staubentwicklung regelmäßig im Blindflug unterwegs. Definitiv kein Spaß.
Es gibt aber kaum eine andere Möglichkeit, zum Lago General Carrera zu kommen.
Dort angekommen sind wir aber froh, dass wir durchgehalten haben.

Schotterstraße
Schotterstraße

Der schönste See der Welt

Nach den 2 Nächten in der Chelenko-Lodge nördlich von Puerto Rio Tranquilo quartieren wir uns für ein paar Tage in der Terra-Luna-Lodge am Südende des Sees ein. Wir haben Glück, unser Zimmer hat einen phänomenalen Ausblick übers Wasser.
Beim Lago General Carrera handelt es sich um den zweitgrößten See Lateinamerikas. Er ist fast 100 Kilometer breit, ca. ein Drittel der Fläche liegt in Argentinien. Das hervorstechendste Merkmal des Sees ist die Farbe: je nach Sonneneinstrahlung leuchtet er in allen möglichen Türkis-Schattierungen. Die Kombination von Wasser, Sonne und schneebedeckten Bergen im Hintergrund führt dazu, dass ich am Ende Hunderte von Fotos habe und keines davon diese WOW-Momente einfangen kann, die der Anblick in mir auslöst.

See
Lago General Carrera

Auf Gletschertour

Bei Amanda an der Rezeption haben wir eine Gletschertour gebucht, und so finden wir uns an einem frühen Morgen am Bootssteg der Lodge ein. Mit uns sind noch 5 andere Gäste unterwegs, so dass wir uns auf zwei Jet-Boats verteilen – und schon geht es los. Zunächst über den See, nach einer knappen Stunde biegen wir in einen kleinen Fluss ab, und dann wird es lustig. Der Fluss wird immer schmaler und flacher, die Felsen knapp unter der Wasseroberfläche werden immer dichter. Manchmal hüpfen wir nur so von Felsen zu Felsen. Phillipe, Bootsführer und Besitzer der Lodge, kennt sich aus und weiß genau, wo er fahren kann. Irgendwann müssen wir aussteigen und ein Stück zu Fuß laufen, ehe wir für den letzten Tourabschnitt erneut ein bereitliegendes Boot besteigen.
Der Aufwand lohnt sich: Der Leones-Gletscher ist atemberaubend. Er gehört zu den vielen Gletschern, die vom „campo de hielo norte“, dem nördlichen Eisfeld, herunterrutschen. Dieses Eisfeld ist riesige 120 mal 60 Kilometer groß, interessanterweise viel kleiner als sein südlicher Bruder. Der „campo de hielo sur“ in Süd-Patagonien ist sogar 350 mal 35 Kilometer groß. Fünfmal so groß wie das Saarland.
Am Gletscher angekommen haben wir alle Zeit der Welt: Die beiden Boote tuckern langsam an den Eiswänden vorbei, in respektvollem Abstand, wir wollen ja nicht von herabfallendem Eis getroffen werden. Wir beugen uns über die Reling und fischen nach kleinen Stückchen der Eisschollen, die klar sind wie Glas und in der Sonne glitzern. Und dann steigen wir aus und laufen bis zum Gletscher. OK, es ist eher Klettern als Laufen, es geht über Schotter, Eis und herablaufendes Wasser, aber wir sind hin und weg. Immer wieder brechen mit lautem Getöse Eisbrocken ab und fallen ins Wasser. Selten hatten wir eine Mittagspause mit so außergewöhnlichem Ausblick.

Leonesgletscher
Leonesgletscher

Der Vergleich ist des Glückes Tod

Ursprünglich hatten wir geplant, im Nationalpark Torres del Paine in Süd-Patagonien eine weitere Gletschertour zu unternehmen. Das werden wir nun nicht mehr tun. Und das hat mehrere Gründe.
Abgesehen davon, dass solche Touren eher teuer sind, sind wir überzeugt, dass es nicht mehr besser werden kann als heute. Und hier zeigt sich ein grundlegendes Problem für uns Dauerreisende: Wir haben so viel Schönes gesehen, dass sich neue Erfahrungen mit den alten messen lassen müssen. Zum Beispiel hat uns seit unserer Islandreise kaum ein Wasserfall mehr beeindruckt, weil wir immer die genialen Wasserfälle Islands vor Augen hatten.
Wir geben uns Mühe, nicht zu vergleichen, aber es gelingt nicht immer.
Und daher dosieren wir unsere Highlights manchmal etwas.

Marmorhöhlen
Marmorhöhlen außen

Reisen in Pandemiezeiten

Manchmal ist Reisen so absurd, dass wir denken, wir würden uns in einem Loriot-Sketch befinden. Jede Beschreibung klingt wie schlecht ausgedacht, ist aber Realität.
Hier unser neuestes Beispiel: Wir haben für Samstag, den 4.12. Fährtickets gebucht, 44 Stunden bis Puerto Natales. Das Boot geht nur wöchentlich, in der Vorwoche fiel die Fahrt aus, wir wollen also unbedingt mit.
Bis gestern (30. November) war die Lage eindeutig: man braucht einen PCR-Test für die Einreise in die Provinz Magallanes, also auch für die Fähre. Heute, am ersten Dezember, gibt es keine neue Info. Leider sind Internet und Telefon in Puerto Guadal zusammen gebrochen, wir kriegen daher keine aktuellen Infos.
Für den Test müssen wir 85 Kilometer nach Cochrane fahren. Es regnet, also kein Spaß auf dem Motorrad. Die Frage nach einem Mietwagen, in Internet beworben, erzeugt Stirnrunzeln bei Amanda an der Rezeption.
Wir haben einen guten Plan. Mal wieder. Der besagt, dass wir mit einem Leihwagen morgens nach Rio Tranquilo fahren, die Marmorhöhlen besichtigen und dann entspannt nach Cochrane zum Test zu fahren.
Aber wie so oft bei unseren Plänen, sieht die Realität anders aus: die Carretera Austral ist die einzige Straße nach Cochrane und täglich zwischen 13 und 17 Uhr wegen Baustelle gesperrt. Die Probenentnahme für den PCR-Test wird nur zwischen 14 und 16:30 Uhr angeboten. Und das Ganze muss am 1. Dezember sein, weil das Ergebnis sonst nicht bis Samstag da ist, denn das nächste Labor ist 350 Kilometer entfernt.
Wäre nur eine der Randbedingungen anders, wäre alles einfach.
Das Ende vom Lied ist gelebtes Risikomanagement: Wir verschieben den Besuch bei den Marmorhöhlen um einen Tag und fahren mit Amandas Auto die 85 Kilometer zum Nachbarort. Dort angekommen recherchieren wir erneut und erfahren, dass der Test überflüssig ist.
Wir lassen uns trotzdem testen, wir sind ja schon da. Und treffen in der Warteschlange ein paar Mitreisende, die wir später auf der Fähre wiedersehen. Mady und Stefan sehen wir noch öfter, zumal sie in Punta Arenas bei uns zum Abendessen vorbeischauen.
Aber zurück zum Test: Viel Aufwand für wenig Ertrag. Nicht nur, dass wir kurzfristig keinen Test mehr brauchen. Als Krönung erhält niemand von uns ein Ergebnis.
Loriot lässt grüßen.

Straße
Carretera Austral

Mehr Fotos findest du – wie immer – in unserer kontinuierlich wachsenden Bildergalerie Chile.

Hier zur Übersicht noch mal all unsere Artikel über Chile:

2 Gedanken zu „50 shades of türkis

    • Danke!
      Und ja, Patagonia Verde ist definitiv eine Reise wert.
      Ich hoffe, das Mieten vom Transporter heute früh hat bei euch geklappt!
      Bei Detailfragen zur Carretera einfach per WhatsApp melden.
      Liebe Grüße
      Daniela

      Antwort

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