Etwas angespannt brausen wir nach La Rochelle. Unsere Reifen sind mittlerweile ziemlich abgefahren und wir brauchen neue. Da unser Französisch nicht für Telefonate ausreicht (was für ein Euphemismus), schreiben wir im Vorfeld einige Honda-Händler in der Gegend an und fragen. Auf Englisch. Ergebnis: null Antworten. Wolfgang sieht uns in Gedanken schon beim Reiseabbruch, ich bin wie immer etwas optimistischer. Endlich kommt eine einzelne Email eines kleinen Bastlers mit einer Rückfrage. Wir sind erleichtert, bis sich am Tag vor dem Termin herausstellt, dass der Händler die falsche Reifengröße bestellt hat.
Unser Hotel liegt in einem Außenbezirk von La Rochelle, direkt neben der Honda-Vertragswerkstatt. Fragen kostet nichts und wir haben nichts zu verlieren, also fahren wir am nächsten Morgen dort auf den Hof. Auf die Frage „English?“ kommt energisches Kopfschütteln. Wir erklären unser Problem per google translator. Als Antwort kommt ein breites Lächeln, natürlich habe man die Reifen da. Und auf einmal geht auch Englisch, der Meister spricht sogar ziemlich gutes Englisch, wenn es drauf ankommt. Wir trinken überraschend leckeren Automaten-Cappuccino, während unsere neuen Reifen aufgezogen werden.

Nachdem alles erledigt ist, sind wir entspannt und fahren auf die Île de Ré. Die Insel liegt direkt vor La Rochelle im Atlantik. Eine lange Brücke führt über das Wasser. Die Insel gehört zu den beliebten Naherholungsgebieten der Stadt, entsprechend voll ist es an diesem Wochenende. Wir fahren durch winzige Ortschaften, an Cafés und Märkten vorbei und landen irgendwann am Strand. Lange sitzen wir auf einer Bank und schauen auf den Atlantik. Eigentlich auf den fehlenden Atlantik, denn es herrscht gerade Ebbe. Wir klettern über Felsen, beobachten Krebse und bestaunen Muschelhälften, auf deren Perlmuttoberfläche sich schon weitere Muscheln festgesetzt haben.
Am nächsten Tag fahren wir nach La Rochelle hinein. Es ist einfach nur voll. Aber klar. Es ist die Woche des Nationalfeiertags. Überall weht die Tricolore, Veranstaltungen häufen sich, die Schulferien stehen bevor. Trotzdem freuen wir uns, die berühmte Hafeneinfahrt von La Rochelle mit den beiden Türmen aus dem 14. Jahrhundert zu sehen.

Hafeneinfahrt La Rochelle
Hafeneinfahrt La Rochelle

Unterwasserabenteuer. Zumindest potentiell

In meinem Lieblingsreiseführer, dem atlas obscura, ist eine sehenswerte Straße beschrieben, die „passage du Gois“. Es handelt sich um einen gepflasterten Weg, der nur bei Ebbe befahrbar ist, bei Flut liegt er unterhalb der Wasseroberfläche. Wir beschließen, uns das anzuschauen, auch ohne den Tidenkalender zurate zu ziehen. Haben wir Glück und es herrscht Ebbe, können wir zur Insel hinüberfahren. Sollte Flut herrschen, sehen wir zumindest ein paar spannende Straßenschilder. Ein leicht mulmiges Gefühl herrscht allerdings in meinem Magen: Vielleicht ist die Straße rutschig. Mein im Februar operierter Knöchel ist ja gerade erst wieder heil. Aber das Ganze klingt so spannend, dass wir von unserer Route in Richtung „passage du Gois“ abbiegen. Und wir haben Glück.
Allerdings hatten wir nicht als Einzige diese Idee: Dutzende Autos drängen sich auf der schmalen Straße, die zwar nass, aber glücklicherweise weder schlammig noch rutschig ist. Zahlreiche Menschen bevölkern den Meeresboden, auf dem nur mehr ein paar Pfützen zu erkennen sind.
Praktisch alle haben Harken und kleine Metallkörbchen in der Hand. Sie sammeln Muscheln und Austern, spazieren über den Meeresgrund, Radfahrer und Hunde dazwischen, Kinder toben herum. Das Ganze wirkt wie ein Freizeitpark an einem sonnigen Wochenende.
Digitale Anzeigetafeln informieren darüber, wie lange der Spaß noch dauern darf und wann die Flut einsetzen wird. Ich bin fast sicher, dass es noch Megaphonansagen gibt, um die Nachzügler vor einer nassen Überraschung zu bewahren. In regelmäßigen Abständen befinden sich auch kleine Rettungstürmchen am Rande der Straße; falls es jemandem nicht mehr gelingen sollte, rechtzeitig das Ufer zu erreichen, könnte er hinaufklettern und abwarten. Entweder auf Rettung oder auf die nächste Ebbe.
Wir grinsen vor uns hin und genießen das Spektakel. Selbst sammeln kommt für uns aber nicht infrage, daher machen wir uns bald wieder auf den Weg. Später halten wir an einem der unzähligen Straßenstände und kaufen eine Tüte Atlantiksalz.

Passage du Gois
Passage du Gois

Moderne Pop-Art an ungewöhnlicher Stelle

Wir fahren einige Tage dicht am Wasser entlang. Leider gibt es keine wirkliche Küstenstraße, aber wir finden jeden Abend eine Unterkunft mit Blick auf den Atlantik. Meist packen wir Baguette, Käse, Schinken und Rotwein ein und suchen uns eine Bank mit Meerblick. Hier in der Bretagne ist Frankreich wirklich schön.
Kurz vor Saint-Nazaire suchen wir eine ganz bestimmte Kapelle: La Chapelle de Bethléem. Die unauffällige Kapelle aus dem späten Mittelalter steht direkt an der Straße. Wüssten wir nicht, wonach wir suchen müssen, wir würden es nicht finden. Bei Renovierungen vor zwanzig Jahren wurden nicht alle Gargoyles historisch korrekt restauriert, sondern durch Elemente der Popkultur ersetzt: Gizmo von dem Gremlins findet sich ebenso wie der Xenomorph aus dem Hollywoodfilm Alien. Wir laufen um die Kapelle herum, entdecken die Figuren und sind entzückt. Nur allzu bildlich können wir uns die Sitzungen vorstellen, in denen der Künstler dies erklärt und durchgesetzt hat.

Kirchturm
Pop-Art-Modernisierung

Der westlichste Punkt Frankreichs

Am Cap Corse, dem westlichsten Punkt Frankreichs (wenn man die Überseegebiete außer Acht lässt), findet sich eine weitere schöne Idee: Um einen runden Markierungspunkt herum befinden sich vier Granitsteine, jeweils in der entsprechenden Himmelsrichtung. Auf jedem Stein stehen zwei Ortsnamen. Der westlichste Punkt Frankreichs und der westlichste Punkt Europas (Cabo da Roca, Portugal). Ebenso der südlichste (Puig de Coma negra), östlichste (Lauterbourg) und nördlichste (Bray-Dunes), jeweils mit seinem europäischen Pendant (Tarifa, Komis in Russland sowie das Nordkap). Wenn uns mal die Reise-Ideen ausgehen sollten, umrunden wir Europa und fahren wir diese Punkte ab.

Stein am Cap Corse
Stein am Cap Corse

Das Haus zwischen den Felsen und der schwarze Schwan

Eine unserer reizvollsten Picknickpausen in Frankreich hatten wir beim „gouffre de Plougrescant“. Ein zerklüfteter Küstenabschnitt mit beeindruckenden Granitformationen, die wild aus dem Wasser ragen. Die namensgebende Spalte im Fels ist eher unspektakulär. Wir suchen uns ein halbwegs abgelegenes und ebenes Stück Fels und packen unser Mittagessen aus: Baguette, Käse, Tomaten. Ein Glas Rotwein hätte perfekt gepasst, aber das musste auf den Abend warten.
Wir sitzen lange dort und genießen den Blick auf den rauen Atlantik, bis es irgendwann zu kühl wird und wir aufbrechen. Auf dem Weg zum Parkplatz kommen wir an dem angeblich meistfotografiertesten Haus Frankreichs vorbei: dem Haus zwischen den Felsen. Dieser Name beschreibt das Gebäude schon ausreichend, aber fast noch fotogener als das Haus war der schwarze Schwan auf dem See vorm Haus. Der hatte echte Model-Qualitäten.

Haus und See
Das Haus zwischen den Felsen – mit Model

Lebendige Geschichte in der Normandie

Die Bretagne in Frankreich ist malerisch und hat viele kleine Kostbarkeiten zu bieten, deren Beschreibung diesen Bericht sprengen würden. Der Tempel von Lanlef, der kilometerlange Sandstrand von Saint Malo, wunderschöne Sonnenuntergänge über dem Atlantik und nicht zuletzt die bekannte Silhouette des Mont Saint Michel. Letzteres wird allerdings auch schon der Normandie zugerechnet.

mont-saint-michel
Mont Saint Michel


Wir aber wollen Geschichte sehen. Die Normandie ist neben ihrer wildromantischen Küstenlandschaft auch für die Landeplätze der West-Alliierten während des Zweiten Weltkriegs bekannt. Ich habe noch immer eine Zeile aus einem Chris-de-Burgh-Song im Kopf: „… as we walked along the beaches of Normandy, we came to Juno, Omaha and Gold …“. Und genau das tun wir auch.

Wir laufen über den Strand in Omaha. Besuchen den amerikanischen Militärfriedhof. Betrachten die Panzer im Overlord-Museum sowie einige der vielen Bunkeranlagen. Die Normandie ist voller eindrucksstarker Denkmäler über die Landung der Alliierten 1941.
Uns ist als Deutsche an solchen Orten oft unwohl zumute. Auch wenn wir aus einer anderen Generation stammen, können wir uns nicht davon lösen, dass unsere Nation all diesen Schrecken gestartet hat. Wir haben selbst in der tiefsten Provinz von Kirgistan, Kasachstan oder Sibirien Kriegsdenkmäler gesehen. So viele entfernte Orte haben wegen uns Soldaten entsendet und viel Leid erlebt.

Soldatenfriedhof Omaha
Soldatenfriedhof Omaha

Au revoir, Frankreich

Unser ursprünglicher Plan war es, uns für die letzten Tage in Frankreich ein Zimmer oder Apartment mit schönem Atlantikblick zu suchen und etwas auszuspannen. Leider finden wir nichts, was auch nur halbwegs unserer Preisvorstellung entspricht. Also beschließen wir, wieder zurückzufahren. Aus Motorradfahrersicht ist Frankreich auch nicht so spannend, abgesehen natürlich vom Süden mit den Seealpen und der Gegend um Verdon.
Der Vorteil des direkten Heimwegs liegt auch darin, dass die Strecke an Giverny vorbeiführt. Den Garten Monets wollte ich schon lange sehen.

Und so endet unsere Frankreichtour mit einem kleinen Highlight. Falls ihr mal die Gelegenheit haben solltet, den Garten zu besuchen, den Seerosenteich zu sehen und durch das farbenfrohe Haus Monets zu streifen – nutzt das. Es lohnt sich.

Seerosenteich
Seerosenteich Monets in Giverny

Falls jemand die Teile eins, zwei und drei unserer Frankreichserie verpasst hat, hier noch mal ALLE Links:

2 Gedanken zu „Die schönsten Ecken Frankreichs

  • Hallo Ihr 2!
    …also die moderne Pop-Art ist schon sehr gxxx… 🙂

    Weiterhin viel Spass
    M&M

    Antwort
    • Hihi. Danke!

      Antwort

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