Chaos am Ende der Welt

Ich überfalle Wolfgang: „Was fällt dir zu Argentinien ein? Los! Drei Worte.“
Wolfgang schaut unglücklich, er hasst solche Fragen. Aber da ich die Artikel schreibe und er helfen will, denkt er nach: „Wind. Währung. Grenz-Horror.“ Damit hat er Argentinien für uns gar nicht so schlecht zusammengefasst.

Auf dem Weg nach Argentinien

Nach der Rückkehr von der supergenialen Antarktis-Kreuzfahrt bleiben wir ein paar Tage in Punta Arenas. Wir unternehmen gar nichts. Schlafen. Verarbeiten die wundervollen Eindrücke. Sortieren Fotos. Und wir holen unsere Motorräder aus der Werkstatt. Ein Tipp: Wer in Punta Arenas Probleme mit dem Motorrad hat oder etwas unterstellen möchte, für den ist „La Guarida“ das Richtige. Eine Motorradwerkstatt mit angeschlossenem Café. Hilfreich. Kompetent. Und nicht zuletzt auch englischsprachig. Deren Touren durch Patagonien sind bestimmt klasse.

Nach ein paar Ruhetagen kann es weitergehen. Wir packen unsere BMWs und fahren Richtung Grenze. Argentinien wartet auf uns.

Warnschild
Warnung vor dem Fuchs
Nandus
Nandus am Straßenrand

Chaos an der Grenze

Am späten Vormittag erreichen wir die Grenze am Paso de Integración Austral. Wir sind optimistisch, die Formalitäten schnell hinter uns zu bringen, waren unsere Erfahrungen mit den Chilenen doch bislang sehr positiv. Aber weit gefehlt.
Es gibt keinerlei Schilder, wo wir hinmüssen. In den Warteschlangen vermischen sich diejenigen, die nach Argentinien wollen, mit denjenigen, die in die argentinische Enklave auf Feuerland wollen und denjenigen, die nach Chile wollen. Vor einigen Wochen noch waren die Schalter beider Länder im selben Raum untergebracht. Jetzt nicht mehr. Immer wieder laufen Angestellte herum, fragen nach Zielorten und bringen die Menschen in die richtigen Schlangen. Dass wir alle vor verschlossenen Türen stehen, weil drinnen desinfiziert wird – geschenkt. Auch, als wir endlich rein dürfen, passiert nichts. Zumindest nicht in unserer Schlange.
Wir wollen nach Feuerland, aber der direkte Weg von Chile nach Ushuaia ist nicht geöffnet, es geht nur per Transit. Also fahren wir nach Argentinien, um möglichst schnell wieder zurückzufahren – im Transit durch Chile nach Feuerland. Irgendwann haben wir die nötigen chilenischen Stempel und fahren zum nächsten Gebäude – jetzt sind die Argentinier an der Reihe.

Stempel
Nur vier Stempel und 6 Stunden später …

Und hier beginnt das Chaos erst. Es gibt wieder mehrere Kolonnen. Ich stelle mich hinter die Trucker, hinter denen wir schon auf chilenischer Seite standen – und werde von ihnen wortlos, aber eindeutig zu einer anderen Schlange dirigiert. Diese ist so lang, dass ich das Ende nicht sehen kann, daher bleibe ich vorne im Pulk mit vielen anderen stehen, die auch nicht ans Ende wollten. Ich warte auf Wolfgang, der die Motorräder nachholt; wir hatten versucht, unsere Aktivitäten zu parallelisieren. Irgendwann ist es einem Grenzsoldaten unser Pulk zu dumm, er formt aus uns eine zweite Schlange, was natürlich zum Unmut in der ersten Schlange führt. Das Konzept, von welcher Reihe gerade jemand ins Gebäude gelassen wird, verstehe ich nicht, aber irgendwann sind wir drin. In einer bunt gemischten Reihe aus beiden Kolonnen von draußen. Aber nix passiert. Zumindest nicht mit unserer Schlange. Mal wieder. Die anderen Reihen werden abgefertigt, wir warten. Argentinier scheinen geduldiger zu sein als wir, aber irgendwann wird es unseren Nachbarn zu bunt – nachdem ihre lautstarken Beschwerden nicht gehört werden, kapern sie einfach die anderen Schlangen – und wir machen mit.

Mittlerweile regnet es draußen in Strömen. Mit schlechtem Gewissen betrachten wir die eingeregneten Gestalten draußen und sind doch froh, schon im Gebäude zu sein. Die Grenzbeamten selbst sind sehr freundlich und kompetent. Die Abfertigung dauert nicht lange, und wir stehen draußen an unseren Motorrädern und dürfen los. Insgesamt hat es fast sechs Stunden gedauert, diesen Grenzübergang zu bezwingen.

Warnschild
Vorsicht, Ohrwurm …

Rio Gallegos

Für ein paar Nächte quartieren wir uns in einem Hotel in Rio Gallegos, einem langweiligen Grenzstädtchen, ein. Wir sind unentschlossen, wie unsere weitere Route aussehen soll. Ich will unbedingt nach Ushuaia, aber die Aussicht, die Sechs-Stunden-Grenze noch vier Mal durchstehen zu müssen, schreckt uns ab. Vier Mal? Ja. Richtung Chile, dann in San Sebastian nach dem Transitstück in Chile, um wieder nach Argentinien einzureisen. Und alles wieder zurück. Außerdem wurden wir in den letzten Tagen vom heftigen Wind mehrmals fast von der Straße geweht. Macht auch nicht gerade Lust auf mehr.
Aber das Ende der Welt ruft – und so checken wir am frühen Morgen aus dem Hotel aus und machen uns auf den Weg nach Süden. Zur Grenze. Aber schon einige Kilometer, bevor wir die Grenzgebäude sehen, stehen wir im Stau. Bleiben eine Weile stehen und schauen uns das Ganze an. Nach einer halben Stunde hat sich noch immer nichts bewegt. Außerdem bin ich vom Wind mehr als einmal fast vom Motorrad geweht worden. Und wir beschließen: Nein, das ist es nicht wert.
Wir kehren um und checken für eine weitere Nacht im bekannten Hotel ein.

Strassenschild
Warnung vor Wind

Erste Eindrücke von Argentinien

Seit ein paar Tage sind wir nun in Argentinien, haben kaum Sightseeing betrieben, aber es gibt schon ein paar Dinge, die uns auffallen.
Wir hatten immer angenommen, dass Argentinien im Vergleich zu Chile weniger weit entwickelt ist, aber wir werden eines Besseren belehrt: Wir werden häufig angesprochen: auf der Straße, im Hotel, im Supermarkt. Und immer in tadellosem Englisch. Die Infrastruktur ist hervorragend, Internet, Straßen, auch die Autos auf den Straßen machen einen viel besseren Eindruck als in Chile. Und das hier im eher armen Süden des Landes.
Ein Drama ist allerdings die Inflation. Im Jahr 2021 betrug sie knapp 50%, in 2022 wird ein Anstieg bis 70% befürchtet. Unsere ersten Pesos holen wir, wie immer, am Geldautomat. Im Supermarkt stellen wir dann fest, wie teuer alles ist. Aber etwas Recherchezeit später haben wir einen Plan: Wolfgang schickt sich selbst eine größere Summe per Western Union. Dort wird nämlich nicht der offizielle Umrechnungskurs der argentinischen Regierung verwendet, sondern der sogenannte „blue Dollar“, den die Straßenhändler nutzen. Und prompt bekommen wir die doppelte Menge an Pesos verglichen mit dem Geldautomaten. Und auf einmal gefallen uns die Preise wieder. Noch immer nicht günstig, zumal wir später feststellen müssen, dass vieles (wie Eintrittskarten) nicht bar bezahlt werden kann. Aber schon mal besser.

Geldscheine
Argentinische Pesos

Das Falkland-Trauma

In Rio Gallegos gibt es ein Museum zur Erinnerung an den Falklandkrieg, das „Guera Malvinas Argentinas“. Es ist winzig, zwei Zimmerchen, aber liebevoll gestaltet, mit vielen Erinnerungsstücken aus dem Krieg. Wir schlendern herum, entziffern die Beschriftungen, und lassen uns von der freundlichen Mitarbeiterin einiges erklären. Nachdem wir in den Tagen zuvor schon Denkmäler zum Falklandkrieg sahen, machen wir uns klar: das betroffene argentinische Militär war genau hier in Rio Gallegos stationiert. Wir erwarten, im Rest des Landes nicht mehr viel von diesem Thema zu sehen.
Ich darf vorgreifen: mal wieder weit gefehlt. Für die Argentinier sind die Falklandinseln argentinisch. Waren, sind und werden es immer sein. „Fueron, son y seran argentinas.“ So steht es auf unzähligen Tafeln am Straßenrand, die uns die nächsten Wochen bis nach Mendoza begleiten. Und es sind nicht nur Worte auf Tafeln. Statuen, Kunstgegenstände, riesige Werbetafeln, immer begleiten uns die Umrisse der Falklandinseln. Wir bedauern es noch mehr als zuvor schon, dass unsere Schiffsreise die Falklandinseln auslassen musste.

Schotterstraße
Mahnmal Falklandinseln in Ushuaia
Memorial Falklandinseln
Erinnerungsplakette Falklandinseln

Es geht weiter – und doch zurück.

Die ruta 40 (ruta cuarenta) ist mit 5301 Kilometern Länge die längste Nationalstraße Argentiniens und gleichzeitig eine der längsten Fernstraßen der Welt. Sie ist größtenteils ordentlich ausgebaut. Der Weg führt zwar eher langweilig geradeaus, das hat aber den Vorteil, dass wir uns in Ruhe an der Landschaft erfreuen können. Und da uns der Sinn ohnehin mehr nach Ruhe als nach Abenteuer steht, genießen wir das Fahren. Es sind kaum andere Fahrzeuge unterwegs, und es ist längst nicht mehr so windig wie rund um Rio Gallegos, so dass wir das entspannte Dahincruisen zu schätzen wissen.
In El Calafate wollen wir uns den Perito-Moreno-Gletscher anschauen, aber vorher machen wir eine andere Entdeckung: Der Ort hat einen Flughafen – und täglich startet ein Flug nach Ushuaia. Nach einigem Hin und Her und der Frage, ob Flüge denn sein müssen, siegt mein Traum, Ushuaia zu besuchen, und ich buche für den folgenden Tag einen Flug sowie eine Übernachtung.
Natürlich sah der Traum vom Ende der Welt auf einer Motorrad-Weltreise etwas anders aus als ich ihn jetzt realisiere: Ich wollte Fotos von den Motorrädern vor dem Schriftzug Ushuaia. Ich träumte davon, die Straße bis zum Ende zu fahren und wirklich am Ende der Welt zu sein. Und nicht zuletzt hätte ich vom Postamt südlich von Ushuaia Ansichtskarten verschickt. Aber als ich durch die Straßen von Ushuaia schlendere wird das alles nebensächlich. Ich bin tatsächlich am Ende der Welt angekommen.

Selfie in Ushuaia
Ein Selfie in Ushuaia
Ushuaia
Ushuaia

El Calafate und der Perito-Moreno-Gletscher

Wieder in El Calafate angekommen, nehmen wir den bekannten Gletscher ins Visier. Die Straße in den Nationalpark hinein ist gut ausgebaut und wir genießen unsere Tour. Viele enge Kurven, türkisblaue Gewässer, sogar ein Fuchs läuft uns über den Weg. Der Weg zum oberen Parkplatz ist versperrt, es fahren aber kostenlose Shuttlebusse vom unteren Parkplatz aus. Puh. Ich hatte schon befürchtet, wir müssten in der Hitze in unseren Motorradklamotten den Berg hoch. So erreichen wir komfortabel den Aussichtspunkt für den Perito-Moreno-Gletscher.
Die touristische Infrastruktur ist so ausgefeilt, dass uns schnell klar wird, dass wir einen der großen Touristen-Hot-Spots Argentiniens entdeckt haben. Aber zu Recht: Der Anblick ist atemberaubend.
Vom Parkplatz aus laufen mehrere Holzstege in Serpentinen auf die Gletscherkante zu. Die Menschenmengen verteilen sich gut. Wir suchen uns einen Platz dicht am Gletscher und haben Zeit zu schauen. Und zu lauschen. Die Sonne scheint auf den leuchtend-türkisblauen Riesengletscher, überall knackt es. Immer wieder brechen kleine Eisstücke ab und donnern mit lautem Getöse ins Wasser. Der Gletscher ist so breit, dass wir gar nicht wissen, wo wir zuerst hinschauen sollen.
Der Perito Moreno ist einer der größten Gletscher des „campo de hielo patagonico sur“, des südlichen Eisfeldes. Wer hier regelmäßig mitliest, kennt dieses Eisfeld schon: Auf der chilenischen Seite kalbt er in den Nationalpark Torres del Paine. Darüber haben wir hier berichtet.
Wir stehen lange am Holzgeländer und schauen einfach nur. Und hören zu. Und wir erinnern uns an den beeindruckenden Film, den wir am Vortag im Glaciarium gesehen haben: Der Gletscher wächst und arbeitet sich daher bis zu der Landzunge vor, auf der wir gerade stehen. Alle zwei bis vier Jahre sind seine Ausmaße so riesig, dass er die Landzunge berührt und sich dadurch das Wasser im südlichen Arm des Sees staut. Der Wasserspiegel steigt so lange an, bis der Gletscher dem Druck nicht mehr standhalten kann und bricht. Der Film zeigte die entstehende Flutwelle – wow. Leider befindet sich der Gletscher einige Meter vom Land entfernt, die nächste Stauung dauert wohl noch Monate. So viel Geduld haben wir nicht – und machen uns langsam auf den Rückweg.

Gletscher
Der Perito Moreno
Haus
Das Gletscher-Informationszentrum Glaciarium – mit wildlebenden Pferden im Garten

Die Kondore des Cerro Chaltén

Nur ein paar Motorradstunden nördlich des Perito Moreno liegt das Dörfchen El Chaltén. Es wäre unspektakulär, läge es nicht im Schatten eines großartigen Bergmassivs, des cerro chaltén. Besser bekannt als Fitz Roy. Mittlerweile werden hier in Südamerika zum Glück die alten Namen von Bergen und Flüssen wiederverwendet und nicht die der Kolonialherren. Also: cerro chaltén.
Schon die Straße zum Berg hin ist schön: leicht kurvig und wir haben über fast 100 Kilometer den Berg direkt vor uns. Wolken und Sonne verändert den Anblick immer wieder, der Berg kommt näher und näher – und wir sind fast traurig, als wir den Ort erreichen. Allerdings haben wir uns gemerkt, welche Stellen sich besonders zum Fotografieren eignen und kommen am Tag danach zurück. Mit geladenem Kamera-Akku und viel Lust auf die umwerfende Landschaft. Wir fotografieren den Berg mit Straße, ohne Straße, mit Motorrad in klein, mit Motorrad in groß und wer weiß was noch. Als wir wieder zurückkehren wollen, fallen sie uns auf: drei Kondore kreisen über uns. Wir steuern einen Parkplatz an, um die Motorräder sicher abzustellen, und beobachten die Vögel. Wie schon im Nationalpark Torres del Paine sind wir begeistert von den Riesenvögeln. Sie nutzen die Thermik des cerro chaltén und gleiten kilometerweit, ohne mit den Flügeln zu schlagen. Besonders vor dem grau-weißen Bergmassiv sieht das unglaublich majestätisch aus.
Wir können uns gar nicht sattsehen.
Hier zeigt sich Patagonien von seiner schönsten Seite.

Kondore
Kondore über El Chaltén

Mehr Fotos findet ihr in unserer Fotogalerie Argentinien. Viel Spaß beim Stöbern!

4 Gedanken zu „Chaos am Ende der Welt

  • Aloha Ihr Reisenden!
    …“Wolfgang schaut unglücklich, er hasst solche Fragen.“…
    Aaaach nee. Echt?
    Hab die Situation bildhaft vor Augen – und du labst dich an seinem Leid – gib’s zu 🙂

    Einmal mehr danke an euch beide, für die tollen Berichte und Bilder.
    Lasst es euch gut gehen.

    M&M

    Antwort
    • Hallo Ihr Lieben,
      „Laben“ ist vielleicht etwas übertrieben.
      Ihr wollt doch bestimmt nicht immer nur meine Meinung lesen…
      Liebe Grüße nach München
      Daniela

      Antwort
  • …na gut, wenn solcher Druck – ..dieser unendliche Druuuugck.. – nötig ist, um
    von Wolfgang was zu „hören“…
    Wat mutt, dat mutt!

    Antwort
    • Puh, klingt ja fast, als würdest du aus eigener Erfahrung reden.
      Da sollte ich wohl zusehen, dass der nächste Artikel kommt, um dich auf andere Gedanken zu bringen.
      Wir sind allerdings gerade so viel unterwegs, dass mir die Ruhe dazu etwas fehlt.
      Liebe Grüße auch ans 2. M.
      Daniela

      Antwort

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