Wir strahlen seit Stunden vor uns hin. Genau so sehen perfekte Motorradtage aus: Kehren, Kurven, Cappuccino. Es ist sonnig, aber nicht zu warm. Nicht viel Verkehr. Unsere Reiseentscheidung war genau richtig: Wir sind in der französischen Seealpen unterwegs.

Wir starten unsere Tour Richtung Süden. Mit dem Plan, Frankreich einmal zu umrunden. Damit haben wir die komplette Route des Grandes Alpes vor uns.

Der erste Tag beginnt entspannt.

Wir cruisen die ersten Pässe entlang, fast ohne andere Fahrzeuge zu sehen. Hier sind die Passhöhen noch keine 2000 Meter hoch. Wir fahren den Col de la Colombiere, den Col du Pré sowie den bildhübschen Cormet de Roselend. Was für ein genialer Einstieg in diesen Teil unserer Reise.
Wir übernachten östlich von Bourg-Saint Maurice in einem verschlafenen Skidorf. Zum Zeitpunkt der Buchung ist uns nicht klar, dass zwischen Stadt und Skidorf noch mal 20 Kilometer und diverse Kehren liegen. Dafür befinden wir uns am Ende weit oben auf dem Berg, kurz vor der italienischen Grenze. Der Col du Petit-Saint-Bernard ist 2188 Meter hoch und bietet einen überwältigenden Blick ins Tal. Und auf den schneebedeckten Mont Pourri mit seinen 3779 m.

Motorrad am Col de Petit-Bernard
Wolfgang cruist über den Col du Petit-Saint-Bernard

Das französische Essen ist „delicieuse“.

Da wir fast jede Nacht im Hotel verbringen, nutzen wir oft das abendliche Angebot der lokaltypischen Drei-Gänge-Menüs. Vorspeise, Hauptgericht, Dessert. Wann immer möglich, entscheiden wir uns für einen gemischten Teller, auf dem mehrere kleine Delikatessen zu finden sind. So futtern wir uns durch viele ungewohnte, aber wohlschmeckende Gerichte. Wer isst daheim schon Terrine oder Sülze? Gerade letzteres verbinde ich mit meiner Großmutter, daher hatte es für mich immer das Prädikat „etwas altmodisch“. Hier entdecken wir, wie lecker diese alten Gerichte sind. Solche Erkenntnisse sind auch ein Nebeneffekt vom Reisen. Besonders verliebt haben wir uns in die französischen Tartes: mit Limetten, mit Nüssen, und vor allem mit Blaubeeren. Dabei verbessern wir unsere Französischkenntnisse: tarte aux myrtilles heißt Blaubeertarte. Ein Verdauungsspaziergang durch den Ort nach dem Abendessen hat für uns mittlerweile Tradition.

Blaubeertarte
Eine „tarte aux myrtilles“

Pässe, Pässe, Pässe.

Die bekannten Highlights der Seealpen folgen am nächsten Tag. Wir starten mit dem Col de l’Iseran mit 2770 Metern. Wie schon am Vortag teilen wir uns die Passstraßen mit wenigen Autos, dafür mit vielen Rennradlern. Zum Glück nimmt jeder Rücksicht auf den anderen, so dass die Begegnungen meist stressfrei sind. Parallel läuft in der Bretagne die Tour de France 2021. Regelmäßig weisen Schilder darauf hin, wann hier Straßen deswegen gesperrt sein werden. Wir haben noch ein paar Tage Zeit, bis die Profis in die Seealpen kommen.
Den Col de la Madeleine mit seinen 1746 Höhenmetern hätten wir gar nicht als Pass erkannt, wäre kein Schild da gewesen, so entspannt wedeln wir durch die Kurven.

Etwas frustriert müssen wir feststellen, dass wir Pässe nicht mehr gewohnt sind und passen unsere Tagesplanung entsprechend an: zwischen 100 und 130 Kilometern reichen uns völlig. Schon ohne Passstraßen planen wir meist nur mit 200 Kilometern. Zeit zu haben ist der echte Luxus unseres Lebensstils.

Nach einer Übernachtung in Saint-Michel-de-Maurienne, einem verschlafenen Nest am Fuß des Pas du Roc, geht es weiter: der Col du Telegraph bereitet uns auf einen der schönsten Pässe der Seealpen vor: den Col du Galibier mit seinen 2642 Höhenmetern. Und der ist wahrhaftig umwerfend. Mehrmals bleiben wir stehen und blicken ins Tal: grüne Wiesen mit gefleckten Kühen, wilde Wolken kämpfen mit der Sonne, dazwischen windet sich die schmale Straße den Berg hoch. Wir geraten ins Schwärmen und können uns gar nicht satt sehen. Wir überlegen sogar, noch einmal zurück zu fahren, um die reizvoll geschwungenen Kurven noch einmal fahren zu können. Was für ein Unterschied zu dem Kampf mit den engen Kehren am Stilfser Joch. Der Galibier gehört ganz klar zu unseren Lieblingspässen in Frankreich.

Col du Galibier von oben
Col du Galibier von oben, kurz vor der Passhöhe

Immer noch Pässe. Und ein bisschen Sightseeing.

Später durchqueren wir Briançon, halten an einem Supermarkt und decken und mit Proviant fürs tägliche Picknick ein: Brot, Käse, Schinken, Tomaten, Aprikosen. Ich bin mal wieder von den Obst- und Gemüseabteilungen begeistert: allein die Auswahl an alten Tomatensorten verweist die deutschen Supermärkte auf die hinteren Plätze. Frische Kräuter in Hülle und Fülle. Schon während des Fahrens durch die Nadelwälder habe ich dauernd Appetit, so aromatisch duftet es überall.

Beim Schwärmen über den Col du Galibier könnten wir glatt vergessen, dass am selben Tag noch den Col d’Izoard befahren: fast ebenso dynamisch geschwungene Kurven und Kehren, aber ihm fehlt ein wenig die wilde Romantik des Galibier. Bereits recht früh am Nachmittag erreichen wir unsere Auberge. Abgesehen von den Temperaturen über 30 Grad steht noch ein bisschen Sightseeing auf dem Programm: Die Ortschaft Mont-Dauphin hat sowohl eine heiße Quelle, die als sehenswert gilt, wie auch einen versteinerten Wasserfall, die „fontaine petrifiante“. Nach den im Vorfeld recherchierten Fotos erwarte ich mir vom Wasserfall nicht viel, dafür mehr von den Quellen. Aber es ist genau anders herum: die Quellen sind ganz nett, mehrere angelegte Becken mit lauwarmem Wasser. Der Wasserfall dagegen, den wir nach ein paar Minuten Spaziergang durch eine hübsche Biotoplandschaft erreichen, lässt uns staunen. Er ist viel höher als erwartet. Das Wasser plätschert über mehrere Ebenen Tuffstein und hinterlässt dabei Kalkablagerungen, ähnlich wie in einer Tropfsteinhöhle. Hier nur unter freiem Himmel. Wir steigen die nassen Treppenstufen neben der „fontaine“ hinauf. Von der Seite sieht das Gebilde aus wie ein Löwenkopf, von dem aus der Wasser in einen kleinen Teich tropft, von wo aus es dann weiter in einem etwas größeren See läuft. Bemerkenswert, was die Natur zu schaffen vermag.

fontaine petrifiante
fontaine petrifiante in Mont-Dauphin

Abends laufen wir noch kurz durch den Park gegenüber der Auberge. Und sehen Murmeltiere. Die kleinen Tiere sind erstaunlich zutraulich und wuseln um uns herum, obgleich schnell klar ist, dass wir nichts zum Füttern dabei haben.

Neugieriges Murmeltier
Neugieriges Murmeltier

Am Ende winkt der Cappuccino am Meer.

Am nächsten Tag stehen die letzten prominenten Pässe an: wir verlassen die Route des Grandes Alpes in Jausier und erklimmen die 2715 Höhenmeter des Col de la Bonette. An der Passhöhe beginnt eine etwa zwei Kilometer lange Ringstraße. Hier befinden wir uns sogar auf 2802 Metern Höhe und damit auf der zweithöchsten asphaltierten Straße der Alpen. Tatsächlich verschließen wir alle Lüftungsöffnungen an unseren Motorradkombis und genießen, dass es endlich mal nicht so heiß ist.

Zwei Motorräder am Col de la Bonette
Wir beide am Col de la Bonette

Am nächsten Tag spulen wir recht routiniert die letzten kleineren Pässe ab und landen am frühen Nachmittag am Mittelmeer. In Monaco. Da wir diesen kleinen Stadtstaat nie zuvor bereist hatten, suchen wir uns in Monte Carlo ein Café mit Meerblick. Wir bestellen Cappuccino und atmen erst mal durch. Unterm Sonnenschirm mit den Tassen in der Hand und dem Ausblick auf den Jachthafen sitzen wir einfach nur da, genießen und blicken auf die letzten Tage zurück.
Unser Fazit ist eindeutig: In den Seealpen befinden sich die tollsten Pässe Europas. Aber jetzt geht es erst mal in die Provence. Ich freue mich bereits auf die Lavendelfelder.

Motorrad am Jachthafen in Monte Carlo
Wolfgangs Motorrad am Jachthafen in Monte Carlo

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